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Wo London Menschen hasst

In Stratford, einem vergessenen Industriebrachen-Garnichtmalsoreichen-Viertel weit im Osten Londons, war ich das erste Mal 2013. Ein Jahr zuvor waren dort die Olympischen Spiele eingefallen, und die geführte Tour über das Gelände, die im Jahr danach noch angeboten wurde, war eine kleine bis mittelgroße Werbeveranstaltung für die “Legacy”, die die Spiele dem vergessenen Stadtteil überhelfen sollte. Was ich hier als Anglizismus nur wiederhole, weil “Legacy” das zentrale Substantiv jedes zweiten Satzes darstellte.

Günstige Wohnungen sollten entstehen, ein schöner Park, Platz für Familien und Sportler und Freizeit-Haber, und natürlich sollten auch die schon da Wohnenden von den neuen Grün- und Einkaufsmöglichkeiten profitieren und überhaupt – LEGACY! Die Zukunft von Statford als Vermächtnis für die Ewigkeit.

Tja.

Vor ein paar Tagen war ich wieder da, und ja, es war Januar, aber gar nicht mal so kalt, außerdem Wochenende und besagte Einkaufsmöglichkeiten in Form eines riesigen Einkaufszentrums (nicht im Bild) mehr als frequentiert. Was man von den restlichen, verbliebenen Anlagen nicht behaupten konnte.

Die einzigen zwei Personen, die ich hätte abbilden können, wenn es die DSGVO nicht gäbe, waren ein kleiner Junge samt Fahrrad und Papa. Auf dem gesamten Gelände. Was daran liegen könnte, dass ich schon lange nicht mehr an einem Ort war, der nach 1970 und damit der Überwindung der Idee der autogerechten Stadt gestaltet wurde, der so sehr sagt “Menschen, wir hassen Euch” wie dieser.

Breite, mehrstöckige Straßen mit mikroskopisch kleinen Gehwegen. Kaum Bäume. Keine Bänke. Viel geteerte Fläche. Und das zwischen vereinzelt verstreuten Hochhäusern. Was in der Kombination dazu führt, dass man sich als kleiner Mensch so verloren fühlt, dass man lieber wegbleibt. Zumal es auch wirklich nichts zu tun gibt als an schrecklichen Ampelschaltungen zu verzweifeln, den pfeiffenden Wind zu verfluchen und irgendwann vom Hunger doch ins Einkaufszentrum (jenseits der auf Bild 2 abgebildeten, gar nicht mal so sympathischen Unterführung gelegen) zu flüchten.

Großereignissen wie den Olympischen Spielen wird immer vorgeworfen, Geisterstädte zu erschaffen, die nach Ende des Spaßes keiner mehr braucht. Genau das wollte London anders machen mit seinem Queen Elizabeth Olympic Parc.

Ganz recht, kleiner Fun Fact: Sie nennen es Park. Park wie Park-Platz, nehme ich an.

Fotos: jw

 

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