Bewahren, Entwickeln

Gleise zu Parklandschaften

Kennste, kennste? Na klar kennste die New Yorker High Line. Denn der Park auf einer stillgelegten Hochbahntrasse im Westen Manhattans ist mittlerweile so bekannt, dass sich die Anwohner, für die Mitte der Nullerjahre das zusätzliche Grün vor der Tür angelegt wurde, dieses längst mit Touristenmassen teilen müssen.

Doch Überraschung! Die New Yorker waren gar nicht die ersten, die auf die Idee mit dem zweiten Leben von Bahngleisen als Park gekommen sind. Sie waren nur diejenigen, die das Ergebnis fast ein bisschen zu gut zu vermarkten wussten. Denn in Folge des großen Erfolges sind rund um die High Line die Mieten explodiert und die neuen Anwohner brauchen keinen Park vor der Tür. Für ihre Auszeiten nehmen sie den Privatjet auf die eigene Südseeinsel.

Aber ich schweife ab bzw. kann vermerken, dass die Pariser vielleicht ganz froh sein können, dass ihr Coulée verte René-Dumont noch nicht von Regenschirmen folgenden Gruppen überrannt wird – zumindest war es bei meinem Besuch dort bei bestem Wetter maximal entspannt. Fast konnte man vergessen, dass hinter dem Gewucher Stadt und nicht schönster, mitteleuropäischer Urwald liegt (heute habe ich leider keinen Witz mit Asphaltdschungel für Dich).

Einst rollten über das Viadukt die Vorort-Züge vom Bahnhof an der Bastille Richtung Vincennes im Südosten. Doch 1969 wurde die Strecke stillgelegt. Wer braucht schon Züge, wenn er Autos haben kann? Außerdem wurde damals als Alternative das S-Bahn-Netz RER ausgebaut.

Die folgenden 20 Jahren standen bzw. lagen die Gleise ungenutzt in der Gegend herum, bis Ende der 1980er Jahre die Idee aufkam, doch was aus der Industrie-Ruine zu machen. Daraufhin wurde das wunderschöne Backsteinbauwerk saniert und bekam anstelle von Schienen und Schotter Gras, Spazierpfad und Blümchen sowie den Namen Promenade plantée verpasst; in einige der Bahnbögen zogen Galerien. Später wurde der Coulée verte, den Reste meiner Französischkenntnisse (okay: Google) als grünen Fluss oder einfach Grünstreifen übersetzen, nach René Dumont benannt. Der Herr war nicht nur Agrarwissenschaftler und Umweltschützer erster Stunde, sondern auch Gründungsmitglied der französischen Grünen und von Attac. Passt also.

Wer demnächst mal nach Paris kommt und dringend einen Ort sucht, um in Ruhe das in der Boulangerie erworbene Croissant zu degustieren, dem kann ich einen Besuch nur empfehlen. Fans von „Before Sunset“übrigens auch.

Womit wir zur zweiten Überraschung dieses Textes kommen. Denn was Paris und New York können, kann Berlin natürlich längst. Wie jetzt bzw. wo? Ganz einfach: Der Park auf dem Nordbahnhof ist ebenfalls auf einer alten, nach dem zweiten Weltkrieg abgewickelten Bahnlinie, der Richtung Stettin entstanden. Er liegt im Bezirk Mitte und damit auch für Ortsunkundige zu erahnen sehr zentral. Und auch das Lustwandeln ein paar Meter über der Straße ist gegeben, obwohl ich zugeben muss, dass der Bahndamm samt begrenzender Backsteinmauer nicht ganz so charmant ist wie die Ziegel-Bögen von Paris und das Stahlgestänge von Manhattan. Dafür war diese Teil der Grenzanlagen der Berliner Mauer – erst als eigentliche Grenze, später als Hinterlandmauer. Und genau die wollen Touristen doch eigentlich immer sehen.

Entstanden ist der Park 2004 bis 2009 und damit in etwa zeitgleich mit der High Line. Doch wer sich dorthin verirrt, trifft außer ein paar Hunden und drei Joggern keine Menschenseele. Man stelle sich das vor: 5,5 Hektar Parkfläche mitten in Berlin, und niemand grillt! Dabei wandelt man zwar nicht durch die Häuserschluchten Manhattans, aber idyllisch und mit guter Aussicht versehen ist der Park allemal.

Was können wir daraus lernen?

  1. Aus alten Industrieflächen kann man mehr rausholen, als sie erst ein paar Techno-Jüngern zu überlassen und dann mit Wohnhäusern zu bebauen, wie es heute gerne getan wird (Beweisstücke A, B und C, allein in Berlin).
  2. Wer hat’s erfunden? Die Pariser!
  3. Alles schein ein wenig sehenswerter, wenn drum herum New York ist. Was für alle Nicht-New-Yorker, die gerne im Grünen ihre Ruhe haben, aber eine gute Nachricht ist.


Fotos: jw

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