Kaufen, Miteinander

Verödung der Innenstädte: Hält nur der Kaufrausch eine Stadt lebendig?

Ernsting’s Family ist die letzte Hoffnung für deutsche Stadtzentren. Und Zara, Rossmann und Apollo Optik auch. Dieser Eindruck bleibt zumindest bei mir zurück nach der Lektüre zu vieler Texte über ein Phänomen, das Experten „Verödung der Innenstädte“ nennen.

Der Begriff klingt dramatisch, nach von verendeten Kuhkadavern gesäumten Straßen, über die der Wind vergessene Plastetüten treibt. Dabei beschreibt er nur, dass Geschäfte schließen, weil wir alle lieber im Netz bestellen*. Selbst bei Hardcore-Shoppern ist die Anzahl der Dreiviertel-Leggings in Glitzer beschränkt, für die sich im Kleiderschrank Platz findet. Seit geraumer Zeit liefert diese Zalando, was den Weg in die Fußgänerzone erspart, wo sich wiederum Unternehmen ihre Filialen sparen – und Zack! Schon sind deutsche Zentren Geisterstädte, durch die lediglich marodierende Banden sich noch zu ziehen trauen.

Schlecht.

Doch zum Glück gibt es auch dagegen etwas von besagten schlauen Experten™, zum Beispiel – nur ein Beispiel – eine schöne Konstruktion namens BID oder Business Improvement District (über die ich, Eigenwerbeblock, unlängst in der FAS ausführlicher schrieb).

Zu einem solchen schließen sich Anlieger zusammen, um Gehwege und Stadtplätze auf eigene Kosten mit Blumen, Bänken und Kiosken aufzuhübschen und damit das Einkaufen etwas angenehmer zu gestalten. Am Berliner Kudamm laufen gerade derartige Planungen, und da die Unternehmen schon dabei sind, sich im öffentlichen Raum einzumischen, wollen sie dort auch gleich noch die Besucherströme tracken und einen Sicherheitsdienst einführen, damit lästige Bettler und Obdachlose das Shoppingerlebnis nicht stören.

Dass ich das problematisch finde, kommt eventuell gerade zur Geltung. Doch meiner inneren Rosa Luxemburg stellt sich noch eine ganz andere Frage: Warum? Warum sind Geschäfte der einzige Garant dafür, dass ein zentraler Ort attraktiv genug ist, so viele Menschen anzuziehen, dass wir ihn als belebt und damit als das Gegenteil von verödet empfinden? Und kann es sein, dass der Lobbyverein Einzelhandel und Kapitalismusförderung einen ziemlich großen Erfolg zu feiern hat, indem alle Medien genau diese Lesart weiterverbreiten? Denn im Ernst: Deutsche Innenstädte sind zu einem überwiegenden Teil Ansammlungen von Filialen riesiger Konzerne und eben nicht der individuelle Sakko-Laden mit persönlicher Beratung sowie die freundliche Musikalienhandlung, die in der 8. Generation am gleichen Ort geführt wird, die sogar ich für erhaltenswert halte.

Dabei gibt es durchaus Beispiele, dass Menschen sich gerne zusammenrotten und gemeinsam eine gute Zeit haben, ganz ohne dass der Erwerb von Fischbrötchen und modischer Trenchcoats im Mittelpunkt steht.

Im vergangenen Jahr hatte ich zum Beispiel einen ganz fantastischen Abend im New Yorker Washington Square Park. Es war Sommer, es war warm, ein Typ aus der Nachbarschaft musste dringend seine Einradfahrkünste professionalisieren, ein Mädchen mit Bilderbuchlocken umrundete den dortigen Brunnen per Radschlag, überall saßen und standen Leute und quatschten, es gab nicht mal Bier, weil USA – und ja, ich bin mir der Klischeehaftigkeit dieser Beschreibung bewusst, aber es war genau so und dabei so unfassbar entspannt und angenehmen, dass ich sogar ein Foto zu machen vergaß.

Ziemlich voll war es auch auf dem Champs-Élysées, obwohl dort an dem abgebildeten Wochenende nicht mehr zu sehen war als ein autofreier Nachmittag. In Warschau, wo im Park am Weichselufer ein großer Brunnen zum Füße-Reinhalten als Attraktion ausreichte, damit sehr viele Menschen zusammenkamen, um genau das zu tun. Oder immer wieder sonntags im Berliner Mauerpark, wo zu einem Amphitheater angeordneten Steinquader und eine mobile Karaokeanlage Menschenhorden aus aller Welt anlocken.

Und es muss es nicht mal warm und Sommer sein, um dieses Phänomen zu beobachten, wie jeder gottverdammte Spielplatz beweist, auf dem auch bei Nullgraden Kinder akribisch die Sandkiste umwühlen, während die Eltern am Rande Leid und Freude miteinander teilen. Schließlich sollte Louis mittlerweile F von S unterschieden können, während Renate schon den Zahlenraum bis 10 beherrscht.

Womit bewiesen wäre: Wir seltsamen sozialen Wesen namens Mensch kommen eigentlich ganz gerne zusammen, wenn es nur irgendwas zu gucken oder tun gibt. Und nein, das muss nicht zwangsläufig der Zukauf noch mehr kurzer Hosen sein.

Nun will ich gar nicht prinzipiell verteufeln, dass einer der Anlässe auch der Erwerb von Dingen sein kann. Im Zentrum vieler Städte findet sich schließlich nicht umsonst ein Ort namens Markt-Platz. Die Sache mit dem Treffen zum Kaufen hat also Tradition. Dennoch mag ich einfach nicht einsehen, dass die Ansammlung von Fielmann-, H&M- und Bäckerei-Kamps-Filialen die einzig vorstellbare Garantie für lebenswerte Städte sein sollen.

Das Internet macht diese Einrichtungen unrentabel, sodass sie schließen müssen? Ja, liebe Freunde des Kaufens, das ist der normale Gang des Kapitalismus. Freier Markt und so, da seid ihr sonst doch Fans.

Von Stadtverwaltungen und besagten Experten™ würde ich mir wünschen, sich auch mal zu überlegen, was alternativ im Zentrum angeboten werden könnte, damit Leute sich gerne dort treffen und für Leben sorgen. Konsum oder Verödung können doch nicht die einzigen zwei Alternativen sein.

* Die Folgen des wachsenden Internethandels auf städtische Verkehrssysteme besprechen wir dann nach der nächsten Maus.

Fotos: jw

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