Entwickeln, Wohnen

Zwischen Räumen

Um den Seitenstreifen einer Ausfallstraße als einen guten Ort für den Neubau von Wohnungen ins Auge zu fassen, müssen einem wirklich alle Alternativen ausgegangen sein.

„Erst hat man Industriebrachen umgenutzt. Dann kamen Kasernen, dann Baulücken. Aber irgendwann ist auch das erschöpft.“ erklärt Philipp Dechow. Der Architekt vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet an einem Forschungsprojekt, das dort nach freien Flächen sucht, wo die letzte Brache erschlossen scheint. Was dann noch bleibt, nennen die Experten „Urban Voids“. Sie sind die letzte Hoffnung für eine Stadt, deren Bevölkerung wächst, während sie sich selbst nicht weiter ins Umland ausdehnen soll.

Für Astronomen sind Voids Leerräume zwischen größeren Strukturen im Weltall. In der Stadt umfassen sie Abstands- und Reserveflächen, Zwischenräume oder belastete Areale, die nicht aktiv genutzt werden. Oder eben Ausfallstraßen.

Dort sind die Karlsruher Forscher für ihre Stadt fündig geworden. Die Straßen stammen aus Zeiten, als das Auto als Maß aller Fortbewegungsdinge galt. Heute sind sie überdimensioniert und wirken ohne Häuser, Radweg oder Läden nicht sonderlich einladend. Von der umliegenden Bebauung sind sie durch breite Grünstreifen abgetrennt. „Wir haben an einem Beispiel ermittelt, dass bei entsprechenden Lärmschutzmaßnahmen  pro 100 Meter Straße 30 neue Wohnungen entstehen könnten“, erzählt Duchow. Der Autoverkehr könnte auf weniger Fahrbahnen weiter rollen. So zumindest die Idee der Forscher.

Ein anderer Ort, den man neu nutzen könnte, sind die langen Garagenreihen, die vorwiegend in Neubausiedlungen aus der Nachkriegszeit zu finden sind. „Drei Viertel dieser Garagen werden nach unseren Beobachtungen als Abstellraum genutzt, weil es in der Gegend ausreichend Parkplätze gibt“, sagt Dechow. Hinzu kommt, dass auch diese Garagenhöfe nicht schön anzusehen sind: Den Straßen davor fehlt meist ein Bürgersteig; Menschen sind dort kaum unterwegs. „Diese Areale könnte man komplett umcodieren, indem man neue Wohnungen baut, im Erdgeschoss auch mal einen Bäcker unterbringt; einen Fußweg anlegt. Neue Parkplätze könnten in Tiefgaragen entstehen“, erklärt Dechow.

Orte, die bislang Autos vorbehalten waren, würden damit für Menschen erschlossen. Zudem entstände dringend benötigter Wohnraum. Das klingt nach einer Win-Win-Situation.

So könnte die Karlruher Gustav-Heinemann-Allee nach einem Umbau aussehen.

So könnte die oben abgebildete Straße nach einem Umbau aussehen. (Bildmaterial: Philipp Scholz und Daniel Varm / KIT)

Allerdings ist die Bebauung von Freiflächen nicht unbegrenzt möglich. Denn wo mehr Menschen wohnen, müssen auch Schulen, Jugendtreffs oder Krankenhäuser an den größeren Bedarf angepasst werden. Auch dafür muss ausreichend Raum zur Verfügung stehen.

Im Fall der Karlsruher Nachkriegssiedlungen gibt der Experte Entwarnung: „Früher standen dort pro Person im Schnitt 15 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Heute sind es 42. Damit die vorhandene Infrastruktur aufrecht erhalten werden kann, müssen wir verdichten.“

Doch dieses Verdichten hat auch Folgen für das Stadtklima. Während Beton und Stein Wärme binden, sorgen freie Flächen über Nacht für Abkühlung. Das ist vor allem im Sommer in dicht bebauten Gebieten wichtig. Auch Schneisen, durch die der Wind ziehen und für Luftaustausch sorgen kann, sollten nicht verschlossen werden. „Wir haben in einer Simulation überprüft, dass unsere Ideen das Klima nicht veränderten“, sagt Dechow.

Die neue Nutzung vergessener Voids muss jedoch nicht zwangsläufig von Dauer sein. Man kann diese auch zum Nachbarschaftsgarten umgestalten, mit Hilfe von Rollrasen für kurze Zeit zum Park erklären oder eine Saison dort einen Pavillon aufstellen, in dem man Kunst ausstellt. „So kann man ausprobieren, wie sich eine Fläche verändert, wenn sie anders genutzt wird“, meint Philipp Dechow. Schon mit wenig Geld lässt sich so ein Void erschließen und ins Bewusstsein der Nachbarschaft rücken. Der Wunsch, diese Fläche auch langfristig zu nutzen, kommt dann schon von allein.

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