Mieten, Vergangen, Wohnen

Wohnen auf der Autobahn

Dort drüben, gleich hinter der Autobahnauffahrt, hat sich eine sehr große Echse zur Ruhe gelegt. Wie ein Gebirge ragen ihre Zacken in den Himmel, während aus ihrem Bauch ohne Unterlass Autos herausrollen.

So sollte sie aussehen, die Zukunft des Wohnungsbaus, dachten sich Ende der 1970er Jahre die Architekten Gerhard Heinrichs sowie Gerhard und Klaus Krebs, als sie die Wohnsiedlung Schlangenbader Straße im Berliner Ortsteil Wilmersdorf konzipierten. Damals stand das räumlich begrenzte West-Berlin vor zwei Herausforderungen: Es fehlte an Wohnraum, und zudem wollte man die Stadt mit einem Netz an Autobahnen durchziehen. Beides zu kombinieren erschien die optimale Lösung.

So entstand der 600 Meter lange Komplex mit über 1500 Wohnungen, den man nach seinem Straßennamen bald nur noch „Schlange“ nannte. Er überdacht die damals frisch gebaute Autobahn A 104, die Steglitz an den Stadtring A 100 anbinden sollte. Auch aufgrund massiver Bürgerproteste wurde das West-Berliner Autobahnnetz nie wie geplant fertiggestellt. Doch in der Schlange leben bis heute fast 3.000 Menschen.

Das Wohnquartier Schlangenbader Straße in Berlin-Wilmersdorf

Titelfoto: A.Savin CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons / Fotos im Text: jw

Hat man sich der Riesenechse erst einmal genähert, verliert sie zwar nicht an Monstrosität, aber dafür wirkt sie nicht mehr gefährlich. Der lange Baukörper, der am höchsten Punkt 46 Meter und 14 Stockwerke misst, senkt sich in Terrassen ab, was dem Gebilde das zackige, echsenmäßige Aussehen verleiht. In den Schuppen haben die Bewohner Blumentöpfe, Windräder und Gartenzwerge aufgestellt.

Parallel zu diesem Hauptkomplex verläuft ein paar Meter weiter östlich ein fünfstöckiger Wohnblock. In der Mitte liegen Fußwege und ein langer Grünstreifen mit Sitzbänken und Spielplätzen. Alle paar Meter wurde ein Schild aufgestellt, damit hier niemand trinkt, seinen Hund mitbringt oder während der Ruhezeiten randaliert. Besonders viele Menschen, die etwas falsch machen können, sind an diesem Vormittag jedoch nicht zu sehen.

Die Dame im Pelzmantel, die in diesem Moment aus einem der zahlreichen Hauseingänge tritt, scheint zumindest kein Interesse daran zu haben, ihren kleinen Hund etwas Verbotenes tun zu lassen. Ja, sie lebe hier, und zwar seit acht Jahren, erzählt sie. „Ursprünglich komme ich aber aus Grunewald.“

70 Jahre ist die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Als sie noch als Psychologin arbeitete, war es kein Problem, die Miete im schicken Berliner Villenviertel zu bezahlen. Doch als sie in Rente ging, war das einfach nicht mehr möglich.

„Auf der Suche nach einer günstigen Wohnung bin ich auf die Anlage gestoßen. Meine Freunde waren entsetzt, als ich ihnen gesagt haben, dass ich hierher ziehe. Die Schlange hat keinen guten Ruf“, erzählt sie.

Kennst Du einen Eingang, kennst Du alle Eingänge zur Schlange.

Der Wohnkomplex teilt damit das Schicksal vieler Projekte des sozialen Wohnungsbaus. „Wenn der Teufel dieser Stadt etwas Böses antun will, lässt er noch einmal so etwas wie die Schlange bauen“, soll der damalige West-Berliner Bürgermeister Richard von Weizsäcker schon bei der Eröffnung Anfang der 1980er Jahre gesagt haben. Tatsächlich entwickelte sich das Viertel zum sozialen Brennpunkt.

Gegen die Kriminalität half die Installation eines Wachschutzes, gegen die Verwahrlosung eine grundlegende Sanierung. Heute sind fast 60 Prozent der Menschen, die in der Schlange eine Wohnung mieten, jenseits der 60. Nahezu ein Drittel von ihnen hat einen akademischen Abschluss, die Zahl der arbeitslosen Neumieter ist verschwindend gering. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Eigentümers, der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Degewo, hervor. Dabei sind die Mieten nicht übermäßig günstig: Für eine aktuell inserierte Zwei-Zimmer-Wohnung mit 67 Quadratmetern werden gut 700 Euro warm fällig.

Doch das Weizsäcker-Zitat hängt dem Viertel an. „Mit seinen Dimensionen, der kühnen Überbauung der Stadtautobahn und den vergleichsweise hohen Kosten war die Schlange vor und nach ihrem Bau auch ein umstrittenes Bauwerk“, sagt Degewo-Sprecherin Isabella Canisius. „Als Eigentümer teilen wir von Weizsäckers damalige Sichtweise jedoch nicht. Die Schlange ist ein besonderes Wohngebäude, auf das ihre Bewohner und auch wir selbst stolz sind.“

Eine gute Aussicht hat man aus dem 13. Stock, wenn auch nur auf die Autobahn.

So weit würde die Damen mit Hund, der langsam ungeduldig wird, zwar nicht gehen. Doch schön wohnen könne man hier schon. „Die Wohnungen sind super geschnitten, hell, und von der Autobahn hört man gar nichts“, sagt sie. Ihre Freunde aus Grunewald wagten sich dennoch kaum her.

Dass sie Angst vor diesem Rentnerparadies haben könnten, das sich an diesem Vormittag statt mit brennenden Mülltonnen mit friedlichem Vogelgezwitscher präsentiert, kann man sich kaum vorstellen. Was mehr Sinn macht, ist, dass es ihnen an Aktivitäten mangelt.

Die Schlange stammt aus einer Zeit, in der man noch dem Paradigma der Trennung von Wohnung und Arbeit anhing. Das bringt mit sich, dass es hier keine Büros oder sonstiges Gewerbe gibt. In einem Durchgang hat sich ein überschaubares Angebot an Läden angesiedelt – Bäcker, Lottoannahmestelle, City-Haar-Studio. Davon abgesehen ist dies aber ein verschlafenes Wohngebiet ohne urbane Qualitäten. Man hat die Ruhe des Landes ohne dessen Weite, die Enge der Stadt ohne deren Vielfalt. Und selbst der direkte Autobahnanschluss, der Anfang der 1980er noch als großes Plus galt, hat mittlerweile an Wichtigkeit eingebüßt.

Mag die Wohnanlage auch nicht das Teufelszeug sein, von dem Richard von Weizsäcker sprach – ein Modell mit Zukunft ist sie auch nicht. „Ein Gebäude mit derartigen Ausmaßen verursacht einen hohen Aufwand für Instandhaltung und Modernisierung, dem wir schrittweise nachkommen“, sagt Degewo-Sprecherin Canisius. Auch das ist ein Grund dafür, dass sich das Wohnen auf der Autobahn in Deutschland nicht durchgesetzt hat.

Jede Zeit hatte ihre eigene Vorstellung, wie Wohnen in der Stadt idealerweise aussieht. In einer kleinen Reihe werden hier für ihre Zeit typische Wohnquartiere vorgestellt. Dies ist Teil 1. 

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2 Kommentare

  • Antworten Christin 13. Juni 2015 um 18:37

    Hi Juliane,

    in Berlin hat sich das Wohnen auf der Autobahn vielleicht nicht durchgesetzt. In Hamburg arbeitet man aber mit Hochdruck daran neue Wohnquartiere auf dem A7-Deckel zu planen (http://www.hamburg.de/a7-deckel/wohnungsbau/) und auch in Jena und Köln (s.http://www.szbz.de/nachrichten/artikel/detail/?tx_szbzallinone_szbznews%5Bnews%5D=3336&tx_szbzallinone_szbznews%5Baction%5D=show&tx_szbzallinone_szbznews%5Bcontroller%5D=News&cHash=506d7be07562c575974fcde0051136a1) sind ähnliche Projekte umgesetzt wurden. Einerseits ist es im Sinne des Umwelt- und Lärmschutzes wichtig solche Deckel zu bauen, andererseits bleibt es fraglich,ob die enormen Investitionskosten wirklich zu mehr Lebensqualität der Bewohner führen oder letztendlich nur den Bauherren zu Gute kommen.

    LG Christin

    • Antworten Juliane 15. Juni 2015 um 15:36

      Hallo Christin,

      vielen Dank für den Hinweis! Klingt, als sollte ich mir die aktuellen Aspekte des Themas noch einmal genauer anschauen.

      Viele Grüße,
      Juliane

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