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Warum nachts U-Bahn zu fahren die Wirtschaft fördert

Nachtbus. Das Wort klingt nach halbstündigen Wartezeiten bei 18 Grad minus. Nach dem ungewollten Nebeneinander von Menschen, die schon, und Menschen, die immer noch wach sind. Nach Übermüdeten, die an Scheiben schlafen, denn diese Reise dauert länger, als jede Reise dauern sollte.

Nur nach etwas klingt es nicht: nach Metropole, nach aufregendem Nachtleben und Moderne. In New York, Berlin und Sydney hat man das längst verstanden. Nun plant auch London, es diesen Städten gleichzutun und am Wochenende die Tube durchfahren zu lassen. Bislang macht diese zwischen 0.30 und 6 Uhr Pause. Am Freitag- und Samstagabend sollen nun bald auf fünf Linien im Zehnminutentakt die Züge rollen (um welche es sich handelt, steht im Night-Tube-Plan). Eine Ausweitung auf weitere Strecken und die London Overground ist denkbar.

Für Londons Nachtschwärmer ist das eine gute Nachricht. Wenn sie in Zukunft weit nach Mitternacht vor die Pubtür stolpern, werden sie weder Nachtbus noch Taxi noch Uber für die Fahrt nach Hause bemühen müssen. Doch es ist nicht etwa dieser Serviceaspekt, der die Verkehrsgesellschaft Transport for London (TFL) sich für die Night Tube entscheiden ließ. Vielmehr will sie die Wirtschaft stärken.

Schon seit den frühen 1990er Jahren gilt das Nachtleben in Großbritannien als ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Damals zogen viele Menschen aus der Innenstadt ins Umland. Die Zentren, belegt mit Bürogebäuden, wirkten nachts wie ausgestorben. In Pubs und Clubs erkannte man einen Katalysator, um Orte zu beleben und gleichzeitig Arbeitsplätze und Umsatz zu schaffen. Seitdem wird die Night Time Economy nicht nur als Mittel der Stadtplanung eingesetzt, sondern hat sich von etwas Verruchtem zwischen Drogenmilieu und Rotlichtviertel zu einem anerkannten Wirtschaftszweig gemausert. Dieser setzt laut Branchenverband Night Time Industries Association jedes Jahr 66 Milliarden Pfund – etwa 90 Milliarden Euro – um und beschäftigt 1,3 Millionen Menschen.

In London soll die Night Tube diesen noch weiter stärken. Eine von TFL in Auftrag gegebene Studie prognostiziert fast 2000 neue Jobs und 360 Millionen Pfund (460 Millionen Euro) mehr Umsatz in den kommenden 30 Jahren.

Bei der Tube selbst rechnet man mit 265 Arbeitsplätzen, die durch den nächtlichen Betrieb am Wochenende geschaffen werden. Die zusätzlichen Ausgaben sollen sich mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf die Waage halten. Der Rest der Jobs und des Umsatzes sollen in der Night Time Economy anfallen. Denn wenn die Tube auch nach halb eins noch fährt und einen bequemen und im Vergleich zum Taxi günstigen Heimweg garantiert, können Läden, Restaurants und Pubs länger geöffnet bleiben. Nach dem Theaterbesuch bleibt dann noch Zeit für ein Bier; im Kino darf es damit auch mal die Spätvorstellung sein, vor der man noch Essen gehen kann. Gäste, die einen frühen Flug aus Heathrow erwischen müssen, können zudem eine Nacht länger in der City verbringen und dort Geld ausgeben, statt in einem Flughafenhotel zu übernachten. So zumindest die Hoffnung.

Hinzu kommt der Faktor Bequemlichkeit, die sich garantiert erhöht. Denn im Schnitt ist die Reise mit der Tube 20 Minuten kürzer als mit dem Nachtbus – im Extremfall (für London-Kenner: die Reise von Camden Town nach High Barnet) spart man sogar 75 Minuten. Das ist nicht nur für Partygänger angenehm, sondern auch für die Menschen, die etwa im Schichtdienst arbeiten.

„The way that the Night Tube can really add to the scale of economic activity and money circulating in the economy is by making London a more attractive place to live, work and visit – so that more people and businesses locate and invest here, and more tourists visit and spend money“,

heißt es im Fazit des TFL-Berichts. In anderen Worten: Zwei Nächte Tube-Betrieb pro Woche können eine Stadt verändern. Das sind hohe Erwartungen an eine Fahrplanänderung.

Die einzigen, die der Night Tube kritisch gegenüberstehen, sind die Gewerkschaften, in denen diejenigen organisiert sind, die nachts die Züge rollen lassen sollen. Eigentlich sollte der neue Service bereits Mitte September den Betrieb aufnehmen. Da man sich noch nicht einigen konnte, weiß derzeit niemand, wann es wirklich losgeht mit der Wirtschaftsförderung durch Nachttransport.

Foto: Nikos Koutoulas CC BY 2.0 via Flickr

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