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Warum München Parks auf Parkhäusern und Schlittenberge im Freibad braucht

Für die einen ist es eine günstige Alternative zum Fitnessstudio. Für die anderen die innovative Lösung für das Platzproblem einer Stadt, in der immer mehr Menschen wohnen wollen: Sport unter der Bahnunterführung (s. oben). Wetterfest. Öffentlich zugänglich. Und als Fläche bislang völlig unterschätzt.

Zu diesem Schluss kommt zumindest eine Gruppe Architekten, die im Auftrag des Münchner Referats für Stadtplanung und Bauordnung untersucht hat, wo es in der Stadt noch freie Flächen zu erschließen gibt. Diese sollen einmal nicht für dringend benötigte neuen Wohnungen genutzt werden, sondern ausdrücklich nicht bebaut werden. „Freiraum 2030“ heißt das Projekt, dessen Ergebnisse als Studie vorliegen und noch bis März als Ausstellung in der Rathausgalerie am Marienplatz zu sehen sind.

Schon heute ist München mit mehr als 47 Einwohnern pro Hektar die Stadt mit der höchsten Bevölkerungsdichte Deutschlands. In Berlin liegt der Wert bei 38, in Hamburg bei nur 23 Einwohnern. Dabei soll deren Zahl laut einer Prognose noch zunehmen: Bis 2030 sollen über 1,7 Millionen Menschen in München leben – über 200.000 mehr als derzeit. Doch diese wollen nicht nur wohnen und arbeiten, sondern auch durch Parks joggen, ihre Kinder zum Skaten schicken oder in der Mittagspause auf einer Bank sitzen. Das alles braucht Platz, und der ist knapp. Also muss man kreativ werden.

 „In einer mehrfachgenutzten Stadt werden neben ihrer eigentlichen Bestimmung Dächer, Fassaden, Parkplätze, Straßen, Müllkippen und vieles mehr zukünftig auch verstärkt Freiraumaufgaben dauerhaft und auch temporär übernehmen“,

heißt es in der Studie. Weniger planerisch formuliert bedeutet das, dass wir uns an eine neue Generation von Park gewöhnen müssen. Dieser könnte sich ausschließlich am Wochenende auf einem Schulhof oder dem Parkplatz einer Behörde befinden. Sich nicht in die Breite, sondern in die Höhe ausdehnen und damit seine Spazierwege auf mehreren Etagen anordnen, wie es etwa beim MFO-Park in Zürich bereits umgesetzt wurde. Oder im Winter als Schlittenberg auf der Liegewiese des Freibads eröffnen, die bislang ein halbes Jahr ungenutzt in der Gegend herumwartet.

Auch auf Dächer von Parkhäusern oder Einkaufszentren haben es die Architekten abgesehen, und selbst vor Straßen machen sie nicht halt: Ungenutzte Abbiegespuren könnte man umwidmen, Straßen für einen begrenzten Zeitraum zu Spielstraßen erklären, oder Fußgängerunterführungen zum guten Platz für ein privates Workout aufpolieren.

Im MFO-Park in Zürich-Oerlikon erholt man sich auf mehreren Etagen.Im MFO-Park in Zürich-Oerlikon erholt man sich auf mehreren Etagen. (Foto: Roland zh / CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Der Aufwand, den die Erschließung dieser Orte macht, ist unterschiedlich. Um den Schulhof zum Freizeittreff zu machen, muss nur jemand bezahlt werden, der aufschließt, die Mülleimer leert und Vandalismus-Schäden beseitigt. Die Anlage eines zweistöckigen Parks oder das Bepflanzen eines Parkhausdaches erfordert hingegen mehr Geld und auch Absprachen mit den Eigentümern – schließlich handelt es sich bei Letzterem nicht um öffentlichen Raum, sondern um Privatbesitz. Zudem gilt es, die Nachbarschaft bei den Planungen mit einzubeziehen. Andernfalls hat sich blitzschnell eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen Lärm oder das Wegfallen von Parkplätzen vor Gericht zieht.

Beispiele wie der Zürcher MFO-Park, der High-Line-Park in New York auf einer alten Hochbahn-Trasse oder die temporäre Spielstraße im Frankfurter Nordend beweisen aber, dass es geht. Mit dem Fröttmaninger Berg haben die Münchner selbst schon bewiesen, dass man sogar aus einer alten Müllhalde ein passables Naherholungsgebiet machen kann.

Doch das Bedürfnis der Städter, ihre Freizeit draußen zu verbringen, ist nicht der einzige Motor für derartige Pläne. Denn Grünflächen werden dringend benötigt, damit Städte im Sommer keinen Hitzekollaps erleiden.

Wer in einer Sommernacht durch einen Stadtpark geht, bemerkt, dass es dort mehrere Grad kühler ist als in den anliegenden Straßen. Während Steine die Hitze des Tages speichern, kühlt die Luft über Gras oder Wasser schnell ab. Davon profitieren auch die umliegenden Wohngebiete, in die die kalte Luft zieht. Fällt dieser Ausgleich weg, heizen sich die Wohnungen noch stärker auf, was für ältere Menschen sogar lebensbedrohlich werden kann. 

Zudem dienen Grünflächen als Wasserspeicher, wenn es mal wieder sehr stark regnet, was als Folge des Klimawandels immer häufiger passiert. Kann es nicht versickern, flutet das Wasser die Kanalisation, die auf solche Mengen nicht ausgelegt ist und in die Flüsse überläuft, was deren Ökosystem zerlegt. Übler Gestank und Fische, die mit dem Bauch nach oben schwimmen, sind die Folgen.

Sich in wachsenden Städten wie München über den Erhalt von Freiräumen Gedanken zu machen, ist also kein Luxusproblem für Menschen mit hohem Anspruch an ihre Freizeitgestaltung, sondern elementar, sollen unsere Städte auch langfristig lebenswert bleiben.

Die Vorschläge aus dem „Freiraum 2030“-Konzept sollen nun in konkrete Pilotprojekte münden. Inwieweit es tatsächlich gelingt, Orte bewusst frei zu halten, wird jedoch spannend. Schließlich ist der Verwertungsdruck auf den Flächen in München sehr groß, und mit einem neuen Wohnhaus lässt sich nun mal mehr Geld verdienen als mit einem Park.

Die Autoren der Studie empfehlen daher einen „München Code“, nach dem entschieden werden soll, ob an einem Ort gebaut werden darf, und ob im Ausgleich neue Freiflächen geschaffen werden müssen. Verbindlich ist dieser bislang jedoch nicht.

 

Die Ausstellung „Freiraum 2030“ ist noch bis zum 3. März in der Rathausgalerie am Marienplatz zu sehen. Mehr Infos, auch über das Begleitprogramm, finden sich hier. 

Das komplette Gutachten steht online. 

Aufmacherfoto: Jörg Koopmann / LHM

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