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Warum Londons Super-Fahrrad-Autobahnen bislang nicht so super sind

Radwege? Pfff! Andere Städte mögen sich mit so etwas zufrieden geben. Doch in London machen es die Radler nicht unter einem Cycling Superhighway. Als Metropole von Welt hat man schließlich einen Ruf zu verteidigen.

Vor über einem Jahr wurde an dieser Stelle schon einmal über das Londoner Großprojekt berichtet, das die Stadt mit bis zu zwölf Radel-Superautobahnen in Form von extra abgetrennten Fahrbahnen durchziehen soll.

Die gute Nachricht: Die ersten Strecken sind mittlerweile fertig, und bei Twitter stapeln sich Fotos wie dieses:

Die schlechte: Wenn man sich das ein paar Tage vor Ort anschaut, gewinnt man einen ganz anderen Eindruck, wie diese Beispiele aus Whitechapel und Elephant and Castle zeigen.

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Sie entstanden an ein paar fahrradwettertauglichen Frühjahrstagen in diesem Jahr, die sich sonst nicht durch zu wenig Verkehr auszeichneten.

Die Superhighways sollen die Sicherheit für Radfahrer erhöhen, damit auch Kinder, Ältere und andere Durchschnittsradler sich endlich mit dem Rad auf die Straße trauen. Die wachsende Stadt ist darauf angewiesen, dass ihre Bewohner ihre Fortbewegung überdenken und der verstopften Tube und durch Abgase verschmutzten Luft eine Verschnaufpause verschaffen. Doch wenn Radler zu sehen waren, waren es meist furchtlose Männer in Funktionskleidung, die sich auch früher schon zwischen Bussen und Taxis durchzuschlängeln wagten.

Woran das liegt, obwohl die oben abgebildeten Wege doch sicher und fahrradfreundlich aussehen? Ich habe eine Vermutung.

Dies ist, nur beispielsweise, der große Kreisel von Elephant and Castle, auf den man auffährt, wenn man einem der schnuckligen, blauen Radwege folgt.

2016-04-03 11.14.35Links angedeutet der Radweg, der aber bislang gesperrt ist, was zunächst als Herausforderung erscheint. Dabei ist es nur die Vorbereitung auf das, was einen später eh erwartet, nämlich das plötzliche Ende des Radwegs und Stranden in einem unübersichtlichen, mehrspurigen Kreisverkehr.2016-04-03 11.16Später taucht der Radweg dann wieder auf, erfordert aber ein mutiges Einfädeln zwischen Autospuren.2016-04-03 11.18.02Mit ein paar mehr Autos rechts und links sieht das von der anderen Seite so aus:2016-04-03 11.18.52Unbesorgtes Radfahren stellt man sich anders vor. Dabei ist diese Verkehrsführung schon die verbesserte Version, nachdem diese Ecke als die für Radfahrer gefährlichste in ganz London traurige Berühmtheit erlangte. Zwischen 2012 und 2014 kamen dort 90 Menschen bei Unfällen zu Schaden. Daher hat man nun u.a. die extra Spuren für Radler eingeführt. Doch die gut gemeinte Veränderung hat wenig bewirkt: Nachdem in diesem Frühjahr zwei Menschen an diesem Kreisverkehr ums Leben kamen, werden weitere Verbesserungen gefordert. 

Die Idee der neuen Cycling Superhighways ist, Radfahrer und Autos strikt und mit Bordsteinen voneinander zu trennen. Das war die Lehre aus der noch unabgegrenzten ersten Generation der Fahrradstraßen, die zu vielen Unfällen führte. Doch so lange das nur auf einem Teil der Strecke umgesetzt wird, und zudem die meisten anderen Straßen, in die man zwangsläufig irgendwann abbiegen muss, ganz ohne Radspur auskommen, bleibt das Radeln quer durch die Stadt unattraktiv, weil gefährlich.

Londons gerade frisch gewählter Bürgermeister Sadiq Khan hat sich zum Erhalt und Ausbau der Cycling Superhighways bekannt. Noch ein bisschen wichtiger scheint er es aber zu finden, Nebenstraßen radfreundlicher zu machen. Damit London wirklich zur Fahrradstadt für alle wird, muss er wohl beides tun. Denn solange auf der Radel-Superautobahn niemand radeln mag, ist sie halt einfach nicht super.

Fotos: jw

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4 Kommentare

  • Antworten Florian 19. Mai 2016 um 8:20

    Hallo, ich kenne mich mit dem Superhighway-Netzwerk nicht wirklich aus. Aber mir scheint, du hast hier Beispiele gewählt, auf denen tatsächlich wenig Verkehr zu sehen ist.
    In einer meiner Twitter-Timlines sehe ich immer wieder Beispiele der Highways (aus der Innenstadt), die brechend voll und sehr gut angenommen werden – quer durch alle Bevölkerungsschichten, wie mir scheint.
    Deshalb würde ich deiner eher negativen Betrachtung so nicht zustimmen wollen.

    • Antworten Juliane 19. Mai 2016 um 9:03

      Hallo @Florian,
      vielen Dank für Deinen Hinweis! Solche Twitter-Fotos kenne ich auch. Sie entsprechen aber einfach nicht dem, was ich unlängst an ein paar (Werk-) Tagen mit gutem Fahrradwetter vor Ort beobachtet habe. Die Fotos oben sind alle entstanden, nachdem ich mehrere Minuten auf ein radelndes Fotomotiv gewartet habe. Fußgänger und Autos waren derweil ausreichend unterwegs.
      Also habe ich mich gefragt, warum so wenig Radler das doch eigentlich großartige Angebot für wahrnehmen, und meine Vermutung ist, dass ein paar Superhighways alleine nicht ausreichen, so lange sie einen immer wieder vor fahrradunwirtlichen Orten stranden lassen – ob vor Kreuzungen wie in Elephant and Castle oder vor anderen Hauptstraßen ohne Radweg. Um London zur Fahrradstadt zu machen, ist also noch viel zu tun.
      Da diese meine Einschätzung so offenbar nicht ganz klar aus dem Text hervorgeht, habe ich diesen noch mal ergänzt.

  • Antworten Arthur 19. Mai 2016 um 9:21

    Ich finde der Text schürt eher die Ängste, welche man hier in Deutschland immer noch überwiegend antrifft. Man möchte alle Verkehrsteilnehmer sauber voneinander trennen und eine Scheinsicherheit erzeugen. Der Autofahrer hat seinen „Tanzbereich“ und den gibt er nicht her. Überquert vor ihm ein Radler oder Fußgänger der Straße, schaut er zuerst ob die Ampel wirklich grün ist für den „Störer“ und geht erst dann auf die Bremse. Ich bin für bauliche Veränderungen innerhalb eines Ortes oder dem Innenstadtbereich, wenn damit die Geschwindigkeit reduziert wird und Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer erfolgen kann.

    • Antworten Daniel 19. Mai 2016 um 16:19

      Rad- und Kfz-Verkehr sauber zu trennen, ist DER Hebel für mehr Radverkehr und mehr Sicherheit. Das zeigen Fahrradstädte wie Kopenhagen und Amsterdam, aber auch Aufholer wie New York und eben London ganz eindeutig. In ruhigen Nebenstraßen braucht man keine bauliche Trennung, da die Separation dadurch geschieht, dass eher wenige Autos fahren, aber vergleichsweise viele Fahrräder. Auf verkehrsreichen Hauptstraßen sollten Fahrräder und Kfz mindestens durch einen Bordstein getrennt sein, damit sich der Durchschnittsbürger aufs Rad schwingt.

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