Bewahren, Entwickeln

Unser Fluss soll sauberer werden

Mitten auf dem Neckar steht ein Skatepark. Skateboarder machen dort, was Skatboarder so machen müssen – gewagte Sprünge -, während die künstliche Insel unter ihren Rollen den Fluss vor Verschmutzung durch Kloake bewahrt.

Es klingt wahrlich nach einer abenteuerlichen Kombination, die im vergangenen Semester am Institut für Baukonstruktion der Universität Stuttgart erdacht wurde. Zwar handelt es sich bei dem studentischen Projekt nur um Entwürfe. Die Probleme, die damit angegangen werden sollen, sind jedoch real.

„Stuttgart liegt zwar am Neckar, aber der fließt nicht durchs Zentrum. Dadurch haben viele keinen direkten Kontakt zum Wasser“, sagt der Suttgarter Professor Jens Ludloff.

Den Fluss als Teil der Stadt und öffentlichen Raum zu erobern, das war der eine Ansatzpunkt.

Zum anderen hat Stuttgart wie viele andere europäische Städte, die im Zuge der Industrialisierung stark gewachsen sind, ein Problem mit dem Gewässerschutz. In der Mischwasserkanalisation, die unter der Stadt verlegt wurde, teilen sich Abwasser und Regenwasser die Rohre. Sobald es stark regnet, droht das System überzulaufen. Doch das Wasser soll weder aus den Gullis spritzen, noch Keller überfluten, noch kann man es einfach schneller durch die Klärbecken schleusen: Die Bakterien, die sich dort um die Aufbereitung kümmern, brauchen Zeit für ihre Arbeit und reagieren empfindlich, wenn man sie hetzt.

Die Lösung besteht bis heute darin, das Gemisch aus Regenwasser, Fäkalien, Reifenabrieb und Zink aus Dachrinnen in solchen Fällen einfach in den Fluss zu leiten. Dort ist schließlich immer Platz. Akut führt das jedoch zu Sauerstoffmangel, auf längere Sicht zu starker Verkeimung und Algenwachstum. Fische sterben, der Fluss droht umzukippen. (Mehr dazu habe ich unlängst für die Krautreporter aufgeschrieben.)

Im Jahr 2015 eigentlich keine Option mehr.

Seit Jahren bauen Städte deshalb unterirdische Speicherbecken und –kanäle aus Beton, in denen das Wasser während eines starken Regens kurzfristig geparkt werden kann. Blöd ist, dass diese Anlagen immer Spezialanfertigungen sein müssen und viel Platz benötigen, denn überbauen darf man sie nicht.

Der Berliner Ingenieur Ralf Steeg hat daher vor ein paar Jahren ein Baukastensystem aus Glasfaserrohren entwickelt, die sich zu Speichermöglichkeiten zusammenstecken lassen und ebenfalls unterirdisch, aber auch als Inseln auf dem Wasser installiert werden können. Im Berliner Osthafen ist seit 2013 ein Modellprojekt in Betrieb, das genau an der Stelle das Schmutzwasser abfängt und zwischenspeichert, an der es sonst in die Spree flösse.

Dieses System bot die Grundlage für das Stuttgarter Projekt.

Die Insel als Fischfarm. Idee: Natalie Otto

„Die Anlage im Osthafen ist wunderbar, aber ihre Oberfläche wird gar nicht genutzt“, meint Jens Ludloff. Seine Studierenden sollten sich daher überlegen, ob man aus den Inseln des Gewässerschutzes nicht noch mehr herausholen könnte.

Entstanden sind neben der oben bereits angesprochenen Skate-Anlage auch Entwürfe für einen kleinen Park oder eine Fischzucht. Dort sollen die Fische zwar in Neckarwasser aufwachsen; dieses muss zuvor jedoch durch Pflanzen geklärt werden.

Auf einer Anlage, die zur Verbesserung der Wasserqualität beitragen und Fischen einen gesunden Lebensraum verschaffen soll, diese in derzeit noch extra zu klärendem Flusswasser zu halten – schöner kann man die gesamte Problematik wohl nicht zusammenfassen.

Die Stadt Stuttgart gibt sich dennoch skeptisch. „Das System ist uns bekannt. Im Moment haben wir dafür aber keine Verwendung“, sagt Fabian Schlabach aus der Pressestelle.

Visualisierungen: (1) Patrick Schweer / (2) Natalie Otto

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