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Stockholm Royal Seaport: Vom Industriehafen zum Öko-Wohngebiet

Ausfallstraßen, die in Ausfallstraßen münden, über die Ausfallstraßen führen. Ein maximal gut verstecktes Neubauviertel. Und eine Baustelle niedlichen Ausmaßes. So hatte ich mir eines der größten städtischen Entwicklungsprojekte Europas eigentlich nicht vorgestellt. Aber die Stockholmer habe ja noch 14 Jahre Zeit, bis ihr Royal Seaport, überall gefeiert als das Modell für nachhaltige Stadtentwicklung, fertiggestellt sein soll.

Seit dem Jahr 2000 laufen die Planungen, das alte Hafengelände im Osten des Stadt umzugestalten. 12.000 Wohnungen und 35.000 Arbeitsplätze sollen auf gut 230 Hektar Fläche entstehen. Stockholm verfolgt das ehrgeizige Ziel, bis 2040 keine fossilen Brennstoffe mehr zu verbrauchen. Dazu soll auch das royale Hafenviertel beitragen. Zwei Milliarde Euro lässt die Stadt sich das kosten.

Damit man schon heute eine Vorstellung vom schwedischen Nachhaltigkeitstraum bekommen kann, wurde ein sportlich-schöner Image-Film produziert.

Wie nötig dieser Fantasie-Anheizer noch ist, durfte ich in der vergangenen Woche feststellen, als ich mich vor Ort einmal umgesehen habe. Derzeit sieht es dort nämlich so aus:

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Ein Großteil des Areals ist bislang Industriegebiet, in dem es auch so riecht, und wo man sich als Fußgänger wie ein ungewollter Fremdkörper fühlt (was nicht nur an den Schneebergen bei meinem Besuch lag). Mit dem Willen, die Luftverschmutzung zu reduzieren und alternative Fortbewegungsmittel zu fördern, ist die Stadt hier also genau richtig.

Das ist konkret geplant:

 

Hafen

Das Herz des Royal Seaport ist – wer hätte das gedacht – der Hafen. Derzeit legen dort sowohl Fähren nach Helsinki, Tallin und St. Petersburg als auch Containerschiffe ab. In einem extra Areal werden Öl und Gas umgeschlagen. In Zukunft sollen die Container an einem Hafen im Süden umziehen; das Energie-Geschäft läuft aus. Die Fähren hingegen dürfen bleiben. Ihre Anleger werden jedoch auf die Wasserfläche hinaus geschoben, was nicht bedeutet, dass nur noch Jesus dort ein Boot besteigen kann, sondern es werden dem Wasser die dafür nötigen Flächen abgetrotzt. Dafür wird an Land mehr Platz für Neubauten frei.

Die Arbeiten am Hafen laufen derzeit (s. Bild ganz oben); das neue Fährterminal ist schon fertig…

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… und  – auch wenn es bei meinem Besuch dort aussah wie nach der Zombie-Apokalypse – in Betrieb. Wer genau hinschaut, erkennt rechts und links sogar Menschen.

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Wohnen

Wo ein Großteil der Wohnungen und Büros entstehen soll, ist derzeit also noch Hafen. Wer einen Blick in die Zukunft des Areals werfen möchte, muss sich daher durch das Ausfallstraßendesaster, am Umspannwerk vorbei Richtung Norden wagen. Dort, in Hjorthagen, begannen im Schatten der Gasomter eines mittlerweile stillgelegten Gaswerks 2011 die Bauarbeiten an dem Monster-Projekt.

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Die bereits fertiggestellten Häuser zeigen mit guter Isolierung und Solarzellen auf dem Dach, wie das Wohnen am Royal Seaport in Zukunft aussehen soll. Als Ziel ist ein Energieverbrauch von 55 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr ausgegeben – in Berlin liegt der Wert, je nach Heizmittel, bis zu drei Mal so hoch. Um den ökologischen Fußabdruck der Baumaterialen möglichst gering zu halten, wurde dieser mithilfe einer Software auf die nächsten 40 Jahre berechnet.

Innovativ ist auch die Art, wie der Müll entsorgt wird. Hier kommt eine Vakuumtechnik zum Einsatz, auf die die Schweden sehr stolz sind.

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In diese freundlichen Einaugen wird, schön getrennt, der Müll eingeworfen, der dann über unterirdische Rohre zu einer zentralen Sammelstelle reist, ohne dass dafür morgens um halb sechs ein Müllauto durchruckeln muss. Aus dem Bio-Müll wird Bio-Gas gewonnen, und auch der Rest wird vollständig recycelt.

An Ökologie und Nachhaltigkeit gibt es also wenig zu meckern. Dafür wurde etwas anderes vergessen, nämlich sozialer Wohnungsbau – und das, obwohl das komplette Entwicklungsgelände zu Beginn im Besitz der Stadt war. Von den 1700 bis Ende des vergangenen Jahres fertiggestellten Wohnungen waren 58 Prozent Eigentums- und nur gut ein Drittel Mietwohnungen. Zudem entstanden gut 130 Studentenappartements. Zwar ist es in Schweden üblicher als in Deutschland, Immobilien zu kaufen. Doch die Preise sind so deftig, dass sich Menschen mit geringerem Einkommen den Öko-Traum nicht leisten können.

 

Verkehr

Fans von Autos müssen jetzt ganz stark sein. Denn diese sollen sich im Sinne der Nachhaltigkeit auf dem Areal ganz hinten anstellen. Zwar werden in Quartiers-Garagen Parkmöglichkeiten für die Anwohner geschaffen, wo sich auch Ladestationen für Elektroautos befinden. Darüber hinaus gibt man sich aber sparsam, und die paar für Besucher vorgesehenen Plätze werden Geld kosten.

Dafür betonen die Planer bei jeder Gelegenheit, dass es mit dem Rad nur zehn Minuten bis ins Zentrum wären. Gut, Google-Maps sagt, es seien 20, aber ein paar gut ausgebaute Radwege, die diese Annahme zur Folge hat, können nicht schaden. Zudem wird das Areal mit einer Straßenbahn, Biogas-Bussen und Fähren angebunden.

Von alledem ist derzeit noch wenig zu sehen. Lediglich ein U-Bahn-Anschluss (wie toll ist übrigens der schwedische Begriff „Tunnelbanan“?) besteht bereits. Vor dem U-Bahnhof in Hjorthagen habe ich zudem ein Fahrrad-Leihsystem entdeckt, das jedoch schon für den Winter eingemottet wurde.

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Klimawandel

Eine extra Erwähnung verdienen die Maßnahmen, mit denen sich das Areal auf den Klimawandel einstellt. So sind für den Fall von Starkregen Sammelflächen vorgesehen, die den Regen zwischenspeichern und später fürs Bewässern von Pflanzen nutzbar machen können. Grüne Dächer und viele Grünflächen sollen außerdem sowohl Regen aufnehmen als auch für Abkühlung im Sommer sorgen – schließlich speichern Pflanzen wesentlich weniger Hitze als etwa Beton. Wer an einem heißen Augusttag schon einmal im Wald war, kennt das Phänomen. Zudem eignen sich die Grünflächen perfekt, um zu spielen oder seine Nachbarn zu treffen. Extra Flächen fürs Urban Gardening sollen diese sozialen Effekte verstärken.

 

Erbe

Bei aller Progressivität soll die Geschichte des Areals nicht komplett in Vergessenheit geraten. Auf dem alten Gaswerks-Gelände in Hjordhagen werden daher zwei alte Gasometer renoviert, von denen eines in Zukunft als Veranstaltungshalle, das andere als Hotel genutzt werden soll. Zudem entstehen in historischen Industriegebäuden etwa eine Kletterhalle und ein Tram-Museum.

Um das möglich zu machen, musste zunächst der infolge der industriellen Gasherstellung stark belastete Boden abgetragen und, soweit möglich, gereinigt werden. Allein dafür wurden zwölf Prozent der Bausumme veranschlagt.

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Fazit

Derzeit muss man dafür noch viel Fantasie mitbringen. Aber mit dem Royal Seaport zeigt Stockholm, wie die nachhaltige Stadt der Zukunft, die ihre Herkunft nicht vergisst, aussehen könnte – allerdings nur für diejenigen, die es sich leisten können.

Fotos: jw

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