Entwickeln, Miteinander

Stadt-nach-acht-Konferenz: Nachtbar, Nachbar und der Segen eines fehlenden Kreuzfahrt-Hafens

Der Mann mit dem unübersehbaren Zylinder saß natürlich in der ersten Reihe. Das Programm war bis zur Mittagspause nur als Mundpropaganda verfügbar. Und die Moderatoren begrüßten die Besucher schon morgens mit „Schönen Abend“, was aber gut mit der Abwesenheit von Tageslicht in den schwarz gestrichenen Räumen korrespondierte.

Nein, eine der üblichen Konferenzen war die „Stadt nach acht“ nicht, die in der vergangenen Woche in den zwei Berliner Clubs „Musik und Frieden“ und „Watergate“ gastierte. Aber es ging ja auch ums Nachtleben und die Herausforderungen, die dieses beispielsweise für die Stadtentwicklung mit sich bringt, und das ist halt etwas anderes als der Branchentreff Versicherungsvertreter mit der Podiumsdiskussion „Quo vadis Feuer, Wasser, Sturm?“

Dass das Nachtleben einen ernstzunehmenden Faktor für die wirtschaftliche und räumliche Entwicklung einer Stadt darstellt, hat man in Großbritannien schon vor Jahren erkannt sowie als „Night Time Economy“ benannt. In Deutschland ist diese Erkenntnis noch recht neu; treibende Kraft ist dabei unter anderem die im vergangenen Jahr vorgestellten Studie Stadt nach acht, deren Verfasser gemeinsam mit der Berliner Clubcommission nun zu den Organisatoren der Konferenz gehörte. Auf ihre Einladung diskutierten an drei Tagen Barbetreiber, Wissenschaftler und Nachtbürgermeister aus aller Welt über Wildpinkler, Drogenkonsum und Veränderungen durch eine nachts durchfahrende U-Bahn.

Eine der zentralen Fragen dabei war, in wie weit sich die Politik einmischen soll, damit Städte ein lebendiges Nachtleben ausbauen und erhalten können. „Nachtleben funktioniert eher durch die Abwesenheit von Planung“, erklärte Jörg Kosinski, der zur Kneipenstruktur in Leipzig geforscht hat. Dabei hat er erkannt, dass die coolsten Locations dort entstanden, wo sie nach geltendem Gesetz nicht hätten entstehen dürfen.

Doch sobald es Ärger mit Anwohnern gibt, wird die Hilfe der Verwaltung gewünscht. Als gutes Vorbild immer wieder genannt wurde San Francisco, wo seit dem vergangenen Jahr Stätten des Nachtlebens einen besonderen Schutz genießen. Wenn diese sich an geltende Auflagen halten, können sie nicht länger wegen Lärmbelästigung weggeklagt werden. Zudem müssen Zuzügler informiert werden, dass sich in ihrer neuen Nachbarschaft Bars und Clubs befinden. Das sei eine wesentlich bessere Idee, als die Alternative, nämlich Nachtleben und Wohnen streng zu trennen, war man sich einig. Stadtplaner Arnold Voss erklärte zudem den Zusammenschluss der Betreiber zu einer gemeinsamen Interessenvertretung für wichtig, wie etwa im Bochumer Kneipenviertel „Bermuda-Dreieck“ geschehen, um gegen Investoren ausreichend Schlagkraft entwickeln zu können.

Einen Teil des Nachbarschaftsstressen kann man so vorbeugen. Doch gegen Clubbesucher, die auf der Straße Lärm machen und Müll hinterlassen, hilft das nicht. „Gesetzgebung wird das Verhalten der Menschen nicht verändern. Das muss aus der Subkultur getragen werden“, meinte dazu Mirik Milan, Nachtbürgermeister und damit Mittler zwischen Clubbetreibern und Verwaltung in Amsterdam. „Das Nachtleben funktioniert immer vom unten nach oben, nicht umgekehrt.“

Beispiele für solche sanften Vermittlungsversuche gibt es viele: In München wirbt man fürs „Cool bleiben“, in Nürnberg für eine friedliche Koexistenz von „Nachtbar und Nachbar“. Doch am Ende des Tages sind ruhiger Schlaf und lautes Feiern eben unvereinbare Interessen. „Man müsste das Nachtleben wie einen Flughafen behandeln: als Ort mit unvermeidbarem Lärm“, sagte Alexander Bücheli, Nachtbürgermeister von Zürich.

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Typische Konferenzzuhörer-Situation im Berliner Watergate. (Fotos: jw)

Ein weiteres Problem, das auf der Konferenz zwar von den Besuchern aus aller Welt beschrieben, aber noch nirgendwo befriedigend gelöst scheint: die Exklusivität der Nacht. Ob durch Eintrittspreise, Türpolitik, fehlende Nachtbusse oder Mangel an Barrierefreiheit – nach Sonnenuntergang wird ausgeschlossen und abgegrenzt. Einzelne Projekte wie die Rock’n’Rolli-Parties in Berlin oder die durch verschiedene Musikstile auch verschiedene Partykulturen ansprechende Genesis-Partyreihe in Johannesburg/Südafrika versuchen, das aufzubrechen. Diese Vorstöße hängen aber noch allein am Engagement einzelner.

Am anderen Ende der Problemskala war dann noch die Frage, wie verhindert werden kann, dass Städte die Potentiale ihres Nachtlebens etwas zu genau erkennen, von Förderung zum Ausverkauf umschwenken und aus der sympathischen Kneipenmeile plötzlich ein Disney-World für Touristen machen? Von Barcelona über Amsterdam bis Thessaloniki wird das Phänomen kritisch beäugt. Eine Patentrezept ist aber noch nicht gefunden.

„Wir arbeiten wie eine Krankenkasse: mit Prävention“, erklärte Burkhard Kieker vom Tourismus-Förderer Visit Berlin. Für Verständnis werben und Touristen auf die Stadt verteilen sind dabei die Mittel der Wahl. Schon klar – auf die Einnahmen aus Bier, Hotelbett und Trabbisafari möchte niemand verzichten. Für die genervten Anwohner vom Schlesischen Tor hatte er dennoch eine gute Nachricht: „Zum Glück haben wir in Berlin keinen Kreuzfahrthafen.“

In Zeiten von Brexit und Mexikomauer war die „Stadt nach acht“ ein schöner Beweis, dass die Städte der Welt sehr viel verbindet – Feierlaune, Offenheit, aber auch Lärmdebatten, Touristification und die Suche nach praktikablen Lösungen. Ein paar mehr gute Beispiele hätten den Debatten gut getan, und auch die andere Seite in Form von Nachbarschaftsvertretern und Verwaltungsmitarbeitern war nicht ausreichend vertreten. Aber die Nacht ist ja noch jung – zumindest die nach acht.

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