Miteinander

Sie betreten nun ein Anwohnerschutzgebiet

Indem Touristen das finden, nach dem sie suchen, zerstören sie es. Diese einst von Hans Magnus Enzensberger in die Welt gesetzte Weisheit hat mit der Zeit dazu geführt, dass dem Massentourismus auf Südseeinseln und im Hochgebirge ein sanfter Tourismus zur Seite gestellt wurde. In Großstädten wurde das bislang nicht für nötig erachtet. Doch manche Berliner sehen da nun Nachholbedarf.

In dieser Woche trafen sie sich im Roten Rathaus zum 2. Berliner Erfahrungsaustausch für stadtverträglichen Tourismus. Schon seit Jahren sorgt sich vor allem der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg darum, wie schlafbedürftige Anwohner und munteres Partyvolk unter einen Zufriedenheitshut zu bekommen sind. Pantomimen waren unterwegs, um nachts ohne Worte für mehr Ruhe zu sorgen, und ein Nachtstadtplan wurde kreiert, der Besuchern Orientierung im Partymekka und die wichtigsten Regeln (Kein Streit! Kein Lärm! Kein Wildpinkeln!) an die Hand gibt. Doch den Anwohnern genügt das nicht. Eine ältere Dame aus dem Wrangelkiez, durch den die Party seit ein paar Jahren unerbittlich tobt, meinte:

„Als die ersten Touristen in meinen Kiez kamen, war ich stolz. Ich komme aus Berlin und ich will nicht, dass es ein Dorf wird. Aber jetzt ist es zu viel. Wir werden überrollt.

Jede Kröte wird geschützt. Ich möchte auch so einen Zaun.“

Das war natürlich nur symbolisch gemeint. Aber tatsächlich forderten sie und ihre Mitstreiter, besonders tourismusbelastete Regionen in Berlin auszuweisen und dort eine Schutzverordnung für Anwohner zu erlassen. So stellen diese sich das in etwa vor:

anwohnerschutzgebiet

Die Lokalpolitik will nun prüfen, was sich davon in die Realität umsetzen lässt. Allerdings sind es in Berlin nicht allein die Touristen, die rund um das Schlesische Tor, an der Admiralbrücke oder am RAW-Gelände die Sau rauslassen. Oft genug sind Berliner aus ruhigeren Bezirken auch Gäste in der eigenen Stadt.

Zudem leiden auch andere Städte, die keinen Easyjetset und kein Berghain kennen, an dem Problem, dass es nachts im öffentlichen Raum zu laut ist. „Die Ansprüche an die Stadt haben sich verändert“, erklärt Sozialgeograph Henning Füller, der an der Humboldt-Universität zum „New Urban Tourism“ forscht. Zum einen bleiben Ältere, die früher ihr Ruhebedürfnis am Stadtrand pflegten, eher in der Innenstadt wohnen, wo sie trotzdem Erholung suchen. Gleichzeitig strömen junge Menschen in Städte – nicht etwa, weil sie dort einen guten Job gefunden haben, sondern weil sie diese als vital und lebendig empfinden. „Spannungen sind da vorprogrammiert.“ Dass in der wachsenden Stadt der öffentliche Raum einem immer höheren Nutzungsdruck ausgesetzt ist, hilft auch nicht gerade.

Doch wer sich nachts über spontane Straßenpartys ärgert und morgen durch Glasscherben und Erbrochenes zur Arbeit watet, dem ist es herzlich egal, ob Touristen oder junge Nachbarn die Verursacher sind. Der Bedarf, das Unvereinbare unter einen Hut zu bekommen, bleibt.

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1 Kommentar

  • Antworten Für Anwohnerschutzgebiete in Berlin - Nante Berlin 9. März 2016 um 18:51

    […] Dieses tolle und mir bislang unbekannte Wort habe ich Juliane Wiedemeiers Zentrale Orte-Blogbeitrag „Sie betreten nun ein Anwohnerschutzgebiet“ entnommen, in welchem sie über die Strategien eines möglichen stadtverträglichen Tourismus in […]

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