Entwickeln, Fahren

Mehr Platz, mehr Sicherheit

Manchmal kostet mehr Verkehrssicherheit nur ein paar Liter Farbe und ein wenig Mut. Als Beispiel dafür steht seit ein paar Wochen der Moritzplatz – ein großer Kreisverkehr mit vier Ausfahrten im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Zwischen 2012 und 2014 kam es dort zu fast 160 Unfällen. An jedem zweiten war ein Fahrradfahrer beteiligt. Dabei machen diese nur 20 Prozent der Verkehrsteilnehmer aus, die den Platz täglich passieren.

Radfahren im Kreisverkehr ist nicht nur in Kreuzberg eine unangenehme Sache – vor allem, wenn dieser zweispurig befahren wird. Rechts halten? Mittig fahren? Und wer hat eigentlich Vorfahrt? Wer ein wenig im Netz stöbert, findet Anleitungen und rege Debatten, was nun die richtige Taktik für die Querung im Kreis sein soll. Als Hauptproblem zeigt sich dabei, dass der Straßenraum derzeit den Autos gehört und die Radfahrer dort wie geduldete Gäste agieren. Doch das muss nicht so bleiben, wie der Moritzplatz zeigt.

Die sicherste Radroute wurde dort direkt auf die Straße gepinselt. Einen am rechten Straßenrand verlaufenen Radweg hatte der Platz schon früher. Nun gibt es im Bereich kurz vor einer Abzweigung zwei Spuren: eine für Rechtsabbieger, eine für Geradeausfahrer.

IMG_3605

Den Autos bleibt derweil eine breite Spur im Kreisinneren, wobei an den Ausfahrten genug Platz ist, damit ein abbiegender Wagen nicht den kompletten Verkehr aufhält, sondern überholt werden kann. Dem größten Radlerschreck – rechts abbiegendes Auto ohne Schulterblick – soll die Markierung der dem Kreisverkehr folgenden Radspur in Signalrot vorbeugen.

IMG_3592

„Für das, was geht, ist das eine gute Lösung“, meint Nikolas Linck. Der Sprecher des Berliner ADFC hat selbst ein paar Stunden am Moritzplatz verbracht und sich angeschaut, was sich durch die neue Markierung verändert hat. „Ich habe den Eindruck, dass es hilft, und Radfahren dort sicherer geworden ist.“

Die vermeintlich Leidtragenden der neuen Lösung sind die Autofahrer. Ihnen steht nun weniger Platz und damit nur noch eine Fahrspur zur Verfügung. Vor so einer Umverteilung zugunsten von Radlern oder auch Fußgängern wird normalerweise gerne zurückgeschreckt, weil wenig Autobesitzer so auf die Palme bringt wie die Abgabe von Straßenraum. Am Beispiel Moritzplatz zeigt sich jedoch, dass der Autoverkehr darunter nicht zwangsläufig leiden muss.

Zwar läuft der Verkehr im Kreis etwas langsamer als früher – genauer gesagt: in Fahrradgeschwindigkeit. Doch lange Staus an den Zufahrten habe ich nicht beobachtet. Der ruhige Verkehrsfluss sorgt für mehr Sicherheit. Mehr ändert sich nicht.

Deutsche Großstädte geben sich gerade größte Mühe, fahrradfreundlicher zu werden. Das liegt auch daran, dass ihre Einwohnerzahlen steigen. Wenn die Neubewohner alle mit dem Auto unterwegs wären, wäre das nicht nur schlecht für die Luft in der Stadt, sondern auch ein Platzproblem. Denn Autos beanspruchen schlichtweg mehr Raum als Fahrräder oder Fußgänger. Daher setzt man auf den Ausbau von Radwegen sowie ein gutes Angebot von Bus und Bahn.

Doch noch sieht man unseren Städten an, dass ihre Straßen mit dem Wiederaufbau nach dem zweiten Weltkrieg auf den Autoverkehr ausgelegt wurden. Im vergangenen Jahr hat eine Studie für Berlin errechnet, dass fast 60 Prozent des Straßenraums fahrenden und parkenden Autos vorbehalten ist – dabei werden nur 25 Prozent der Wege mit dem Auto zurückgelegt. Für die gestiegene Zahl der Radfahrer (40 Prozent mehr seit 2014) bleiben hingegen nur 3 Prozent der Fläche.

Die Neusortierung am Moritzplatz ist ein ersten Anzeichen dafür, dass sich das in Zukunft ändern könnte. Den Beweis, dass ein wenig mehr Platz für Radler nicht gleich den Verkehrskollaps für alle anderen bedeutet, liefert er gleich mit.

Fotos (3): jw

Voriger Text Nächster Text

Andere Texte zum Thema

1 Kommentar

  • Antworten ElGato 20. Oktober 2015 um 11:56

    „Deutsche Großstädte geben sich gerade größte Mühe, fahrradfreundlicher zu werden“

    Leider müsste es heißen
    „Deutsche Großstädte geben sich gerade größte Mühe, fahrradfreundlicher zu SCHEINEN“.
    Sieht halt in Broschüren gut aus und ist unheimlich angesagt.

  • Kommentieren