Entwickeln, Miteinander

Nachts schlafen die Städte nicht

Am Brüsseler Platz ist es am schönsten, wenn man woanders wohnt. Dann kann man dort im Sommer draußen sitzen, günstiges Bier aus dem Supermarkt trinken und sich darüber freuen, dass man in Köln auch einen netten Abend verbringen kann, ohne dafür Eintritt oder astronomische Cocktailpreise zu bezahlen.

Für Anwohner sieht das ein bisschen anders aus. Erst können diese vor lauter Lärm nicht schlafen, später müssen sie sich auf dem Weg zur Arbeit durch eine fiese Mischung aus Glasscherben, Burgerresten und Urin schlagen.

Wir haben ein Recht auf Ruhe, meinen die Einen. Wir haben ein Recht auf öffentlichen Raum, meinen die Anderen. Um die Lage zu beruhigen, hat die Politik viel Geld in ein Mediationsverfahren gesteckt, ein Alkoholverbot diskutiert und die Straßenlaternen früher abgeschaltet, um eine Aufbruchsstimmung zu verbreiten. Ein Platz im unbewohnten Grüngürtel in der Nähe wurde als alternativer Treffpunkt angepriesen, während das Stadtmarketing durch Verschweigen des Brüsseler Platzes wenigstens die Touristen fernzuhalten versuchte. Doch gefruchtet hat keiner dieser Ansätze. Das ist typisch.

So steht es zumindest in dem Bericht „stadtnachacht – Management der Urbanen Nachtökonomie“, den die Hamburger HafenCity-Universität in dieser Woche vorgelegt hat. Über ein Jahr lang haben sich die Forscher mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss das Nachtleben auf eine Stadt und ihre Entwicklung hat, und wie man dieses bei der Planung berücksichtigen kann, um Konflikte wie den oben beschriebenen zu entschärften.

Erste Erkenntnis: Bislang hat sich das so systematisch noch niemand gefragt. Während zum Beispiel in Großbritannien seit vielen Jahren die „night-time economy“ ein eigenes Planungsfeld darstellt, wird in Deutschland das Nachtleben nur als Anhängsel von urbaner Kultur oder städtischem Wandel diskutiert.

Soziologen haben gelernt, dass das Aufkommen und Sterben von Clubkultur etwas mit Gentrifizierung zu tun hat.

Wirtschaftswissenschaftler wissen um die ökonomische Bedeutung von Bars, Restaurants und Theatern.

Die Verantwortlichen für das Stadtmarketing versuchen, über das Nachtleben Touristen in die Stadt zu locken.

Lokalpolitiker kämpfen mit akuten Problemen wie Lärmkonflikten oder drohendem Clubsterben.

Aber ein interdisziplinäres Herangehen an die Bedürfnisse und Herausforderungen, die die Nacht in Städten mit sich bringt, fehlt bislang. Die aktuelle Studie ist ein erster Ansatz, das zu ändern.

Einen Grundkonflikt sehen die Autoren in der Wiederentdeckung der Stadtzentren als Wohnraum. Lange galten nur das Eigenheim mit eigenem Garten und Garage am Stadtrand als erstrebenswert. Erst seit ein paar Jahren drängen die Menschen zunehmend wieder in die Städte. Laut einer Prognose des Senats sollen 2030 in Berlin 3,76 Millionen Menschen leben – das sind fast 300.000 Menschen und damit sieben Prozent mehr als derzeit. In München rechnet man in diesem Zeitraum mit einem Zuwachs von 15 Prozent, in Dresden mit 9 Prozent.

Das abendliche Angebot mit Restaurants, Bars, Kino und Theater gehört mit zu den Gründen, weshalb die Leute in die Innenstädte ziehen. Auf einen ruhigen Schlaf möchten sie dennoch nicht verzichten.

Verschärft wird dieser Gegensatz durch den Trend, die Abende draußen zu verbringen, indem man sich in Parks und auf Plätzen trifft, Flussufer zu Strandbars erklärt oder einfach nur den eigenen Küchentisch für ein Glas Wein auf den Bürgersteig trägt. Fachleute bezeichnen diese Entwicklung als Mediterranisierung der Innenstädte, weil sich die Deutschen damit so verhalten wie Spanier und Italiener seit Jahrzehnten. Im Vorbeigehen wirken die Städte dadurch lebendig und lebenswert. Doch vor dem eigenen Schlafzimmerfenster nervt’s, wobei zum Lärm noch Vermüllung, Vandalismus und Sicherheitsbedenken hinzukommen. Denn wo sich abends junge Menschen unter freiem Himmel hemmungslos betrinken, wird es für andere Passanten irgendwann ungemütlich.

Straßenszene im türkischen Çanakkale. So ähnlich nun auch in Köln, Dresden und Mannheim verfügbarStraßenszene im türkischen Çanakkale. So ähnlich nun auch in Köln, Dresden und Mannheim verfügbar. (Foto (bearbeitet): Jorge Láscar / CC BY 2.0 via flickr.) 

Klingt nach Problemen, die in wachsenden Städten noch schlimmer werden? Stimmt genau. Doch zum Glück haben die Hamburger Stadtforscher auch einige Lösungsvorschläge parat.

Ihr erster Tipp an die Lokalpolitiker: sich einen Überblick verschaffen. Wo gibt es welche Art von Nachtleben warum? Erst wer das genau weiß, kann mehr als nur auf akute Probleme reagieren. Zudem gilt es zu erkennen, dass das nächtliche Treiben auch dem Image und der Wirtschaftskraft der Stadt nutzen und als Mittel der Stadtentwicklung eingesetzt werden kann: Meist sind Bars und Clubs, die in leer stehenden Fabriken und Häusern eröffnen, der erste Schritt zur Aufwertung eines vergessenen Stadtteils. Das kann man sich durch bewusste Ansiedlung zunutze machen.

Doch der Lernprozess soll keine Einbahnstraße sein, meint die Studie: So wie die Politik die Struktur des Nachtlebens kennenlernen soll, müssen sich dessen Betreiber mit Verwaltungsvorgaben auseinandersetzen. Die Gründung eines Verbundes hilft, Ansprechpartner zu schaffen und gemeinsame Interessen zu formulieren. In Amsterdam wählt man seit über zehn Jahren ein ehrenamtlichen Nachtbürgermeister, der als Vermittler fungiert. Miteinander sprechen, so meinen die Forscher, sei der erste Schritt zur Besserung.

Das gilt es auch innerhalb der Behörden und ihrer Abteilungen zu beherzigen. Wenn der Mitarbeiter des Bauamtes nicht weiß, dass er gerade den Bau eines Luxusquartiers auf dem Nachbargrundstück einer Strandbar genehmigt, kann er vorprogrammierte Probleme nicht verhindern.

Runde Tische mit allen Beteiligten sollen die Kommunikation institutionalisieren.

Darüber hinaus gibt die Studie ganz praktische Tipps: Ein Tag der offenen Clubs kann für mehr Verständnis werben, ein Verbot von Wohnnutzung auf bestimmten Geschossen einen Lärm-Puffer schaffen. Eine genau definierte Sondernutzungserlaubnis für öffentliche Flächen kann Besucher lenken, eine am Wochenende für Autos gesperrte Straße schlichtweg mehr Platz schaffen.

Dabei zeigt das letzte Beispiel, wie kompliziert es ist. Denn wo man mehr Raum anbietet, werden im Zweifel noch mehr lärmende Nachtschwärmer angelockt. Daher rät die Studie, regelmäßig die Folgen der eigenen Planungen zu überprüfen. Die Stadt wandelt sich permanent, und die Nachtnutzung mit ihr. Das gilt es zu berücksichtigen.

28 Handlungsempfehlungen gibt die Studie insgesamt. Keine davon ist eine Blaupause, was genau zu tun ist; keine gibt eine Garantie, dass alle Probleme aus der Welt zu schaffen sind. Aber indem sie viele Einzelbeispiele aus Städten weltweit aneinanderreiht, zeigt sie, wie sehr sich die Probleme ähneln. Bislang sucht jede Stadt für sich nach Lösungen. Das soll sich ändern.

Aufmacherbild (bearbeitet) (Admiralbrücke in Berlin-Kreuzberg): Der Robert / CC BY 2.0 via flickr

Voriger Text Nächster Text

Andere Texte zum Thema

3 Kommentare

  • Antworten Michael Weckerlin 14. Juli 2015 um 18:07

    Mit Interesse habe ich den Artikel gelesen – insbesondere den Bericht „stadtnachacht – Management der Urbanen Nachtökonomie“ der Hamburger HafenCity-Universität.

    Wir freuen uns als Agentur in Köln aktiv zum friedvollen urbanen Miteinander zwischen Nachtschwärmern und Anwohnern als Vermittler beizutragen.
    Mehr zu unserer Tätigkeit als Vermittler auf dem Brüsseler Platz in Köln:
    http://werbelaeufer.de/blog/koeln/brusseler-platz/

  • Antworten kdm 18. August 2015 um 13:19

    Wie man sieht, verdient auch noch eine „Agentur“ an diesem Auswuchs. Deren Chefs und Mitarbeiter wohnen höchstwahrscheinlich woanders? Ebenso wie die anderen Nutznießer dieser Malle-Importe (& wie die Architekten von viereckigen Häßlichkeiten, die selbst in altmodischen Villen oder in Altbauwohnungen mit hohen Zimmern (mit Stuck ) wohnen).

  • Kommentieren