Mieten, Vergangen, Wohnen

Mietwunder Wien

50 Quadratmeter, zentrale Lage, 230 Euro Miete – und das in einer europäischen Hauptstadt, die beständig wächst und laut Prognose in fünfzehn Jahren über 200.000 Einwohner dazugewinnen soll.

Es klingt wie ein kleines Wunder, das der Bayerische Rundfunk für seine Sendung „Jetzt mal ehrlich“ ausgegraben hat, die sich dem Problem steigender Mieten widmete und gestern Abend im Fernsehen lief (hier kann man sie online nachschauen). Doch Wien scheint tatsächlich für Mieter ein gutes Pflaster zu sein: Um gerade einmal vier Prozent sind in den vergangenen vier Jahren laut Immobilienscout24 die Angebotsmieten dort gestiegen. In München kommt man im gleichen Zeitraum auf 19, in Berlin sogar auf 25 Prozent.

Wie Wien das macht? Ganz einfach: Es darf sich bei seinen Politikern von 1918 bedanken.

Als „Rotes Wien“ wird die Zeit bis 1934 bezeichnet, in der die Sozialdemokratische Arbeiterpartei in der Stadt Politik machte. Eine ihrer Hauptaufgaben nach Ende des Ersten Weltkriegs war die Schaffung dringend benötigten Wohnraums. Statt sie dem freien Markt zu überlassen, bauten die Sozialdemokraten lieber selbst.

Das Geld dafür stammte aus einem Arsenal an neuen Steuern, die extra für diesen Zweck eingeführt wurden. Neben Abgaben auf diversen Luxus wie Autos oder Hausangestellte wurde eine Wohnbausteuer erhoben. Sie betraf alle Haushalte, war aber so gestaffelt, dass die teuersten 0,5 Prozent der Wohnungen für 45 Prozent der Einnahmen sorgten. Zudem gab ein harter Mieterschutz vor, dass die Mieten das Vorkriegsniveau nicht übersteigen durften, was privaten Neubau völlig unrentabel werden ließ. Das sorgte für niedrige Grundstückspreise, von denen wiederum die bauwillige Stadt profitierte.

Über 60.000 staatliche Wohnungen entstanden in dieser Zeit. Die großen Wohnanlagen wie der Karl-Marx-Hof oder der Rabenhof gehören heute sogar zu den Sehenswürdigkeiten Wiens.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hielt man an dem Konzept der Stadt als Bauherrn fest. Heute sind von den 870.000 Wohnungen Wiens 220.000 Eigentum der Stadt und weitere 200.000 wurden mit staatlicher Förderung gebaut und müssen daher – für einen begrenzten Zeitraum – zu einem günstigen Preis vergeben werden.

In München sind laut „Jetzt mal ehrlich“ nur 18 Prozent der 750.000 Wohnungen staatlich gefördert, in der Berlin sind es weniger als 15 Prozent von rund 1,9 Millionen, sagt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Dieses Verhältnis wird wichtig, wenn es darum geht, wer eine Unterkunft beziehen darf, deren Miete nicht der freie Markt bestimmt. Entscheidend ist dabei das Einkommen.

In Berlin darf ein Einpersonenhaushalt im Jahr knapp 17.000 Euro brutto zur Verfügung haben, damit er ein Anrecht auf eine staatlich geförderte Wohnung bekommt. In Wien sind es knapp 44.000 Euro netto, was dazu führt, dass im sozialen Wohnungsbau nicht nur sozial Schwache ghettoisiert werden. Darüber hinaus muss man einen guten Grund für den Umzug haben, etwa weil die bisherige Wohnung zu klein geworden oder nicht altersgerecht ist, und mindestens zwei Jahre in der Stadt gemeldet sein.

Bis heute investiere Wien jedes Jahr über 600 Millionen Euro in Neubau und Sanierung, erzählt Michael Ludwig (SPÖ), Wiens Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung im Interview mit dem BR.

In Berlin hat man im vergangenen Jahr stolz verkündet, nun jährlich 64 Millionen Euro für den Wohnungsbau auszugeben. Den steigenden Mieten und ihrer Folge, der Verdrängung, läuft man damit hinterher.

In Wien hat man vor 100 Jahren beschlossen, es anders zu machen.

Foto:Wienwiki/Helene Huss-Trethan CC-BY SA 3.0 via Wikimedia Commons

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