Fahren

London trennt (Rad und Auto)

Na, erkennen Sie es?

Arbeiten am Cycle Superhighway in der Londoner Whitechapel RoadGut, gehen wir noch ein Stückchen näher ran:

In der Londoner Whitechapel Road wird ein bestehender Radweg ausgebaut.Fotos (2): jw

Jetzt? Auch nicht? Okay, dann wird es nun verraten: Das ist die Zukunft des Radfahrens in London.

Nein, nicht die Umsetzung der Idee, dass Radfahrer auf eigenen Straßen über den Bahntrassen fahren sollen, und auch nicht die, alte U-Bahntunnel exklusiv für Radler zu öffnen. Das sind (bislang) nur Visionen. Der Cycle Superhighway hingegen, der hier an der Whitechapel Road gebaut wird, ist real und Teil der großen Radoffensive der Stadt.

Dass London in diesem Bereich investiert, ist nicht ganz neu. Bereits 2008 wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele angekündigt, ein Netz an Radwegen durch die Stadt anzulegen. Bis 2012 waren dann aber nur vier Strecken fertig – mit blauer Farbe markierte Seitenstreifen mit teilweise zweifelhaftem Verlauf und stetigem Konflikt mit Autos, die dort kurz halten oder ihn zum Erreichen eines Parkplatzes überfahren mussten. Dies führte zu Verwirrungen, die Menschen mit dem Leben bezahlten mussten. Die unbegrenzten blauen Streifen wiegten die Radler in einer falschen Sicherheit, erklärte die die Unfälle untersuchende Behörde.

Die neue Generation der Superhighways, an der seit März gebaut wird, erhält daher eine bauliche Trennlinie zwischen Radweg und Straße, aber auch eine klare Abgrenzung zum Fußgängerweg. Auf den Fotos oben zu sehen ist die Aufwertung eines bereits bestehenden Weges in Whitechapel. Darüber hinaus entstehen zwei neue Trassen, auf denen man in Zukunft mit dem Rad sicher durch die Stadt kommen soll: die eine zieht sich über knapp 30 Kilometer von Acton im Westen bis Tower Hill im Osten, die andere über etwa fünf Kilometer von Elephant and Castle im Süden bis Kings Cross im Norden. Im Frühjahr kommenden Jahres sollen beide fertiggestellt sein.

So soll der Cycle Superhighway einmal aussehen, wenn er groß ist.

Darstellung: Transport for London

In Amsterdam, Montreal oder Beijing ist die strikte Trennung von Auto- und Radverkehr sowie Fußgängern längst Alltag. In London ist es eine kleine Revolution. Schließlich muss für die räumliche Trennung das ganze Straßenbild verändert werden, was zur Folge hat, dass weniger Platz für die Autos bleibt.

Folgerichtig hat die Lobby der Autofahrer auch schon rebelliert, doch Londons Bürgermeister Boris Johnson verfolgt höhere Ziele. Seine Stadt wächst; bis 2030 sollen dort über 10 Millionen Menschen leben. Heute sind es 8,6 Millionen. Wenn alle Neu-Londoner stets Auto führen, würde das nicht nur die Straßen endgültig verstopfen, sondern auch die Luft noch stärker verschmutzen. Das Rad hingegen ist nicht nur abgasfrei, sondern beansprucht auch schlichtweg weniger Platz. Außerdem ist seine Benutzung im Stadtzentrum, wo seit 2003 die City-Maut gilt, kostenlos.

„Imagine if we could invent something that cut road and rail crowding, cut noise, cut pollution and illhealth – something that improved life for everyone, quite quickly, without the cost and disruption of new roads and railways. Well, we invented it 200 years ago: the bicycle“,

schrieb Johnson 2013 in seinem Radfahr-Manifest „The Mayor’s vision for cycling in London“.

Bislang ist Radfahrer in der Innenstadt vor allem jungen Männern in Funktionskleidung vorbehalten. In Zukunft sollen auch mehr Frauen, Kinder und Ältere so unterwegs sein; Radfahren soll alltäglich werden. Die Cycling Superhighways sind ein erster Schritt, die dafür notwendige Infrastruktur anzulegen. Und die Erfahrung zeigt: Wächst das Angebot für Radfahrer, steigt auch ihre Anzahl.

Im Februar dieses Jahres hat das städtische Verkehrsunternehmen Transport for London vermeldet, dass im Vergleich zum Vorjahr zehn Prozent mehr Radler auf den Straßen unterwegs seien und mittlerweile mehr als 170.000 Fahrten im Stadtzentrum mit dem Rad zurückgelegt würden. Das entspräche der Zahl der Fahrten zur Arbeit oder Ausbildung in Kopenhagen – nur hat die für ihre Fahrradfreundlichkeit bekannte Stadt gerade einmal ein Fünfzehntel der Einwohner Londons. Da ist also noch Luft nach oben.

Die will man in London ausnutzen und auch das entsprechende Geld bereitstellen, wie Boris Johnson in seinem Manifest schreibt: „In 2015, we will be spending £145m a year on cycling, or roughly £18 a head, up with the best in Germany and almost on a par with the Netherlands.“

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2 Kommentare

  • Antworten rollinger 24. April 2015 um 12:43

    Hey tolles Ding. Die Seite und der Artikel. Ich bin gespannt.
    Hab mal meine neu gestartete Stadtseite als url rangehängt.
    Viel Erfolg.

  • Antworten joma 27. April 2015 um 17:25

    Dass die auch in Deutschland so beliebten Streifchen am Rand nichts bringen ist schonmal eine gute Erkenntnis (traurig, dass das erst ein paar Menschen mit dem Leben bezahlen mussten).
    Dass man es jetzt mit einseitigen Zweirichtungsradwegen versucht, in der Stadt, an Straßen mit häufigen Querverkehr, ist der nächste Wahnsinn: viele unnötige Querungen, an jeder Kreuzung komplexe Verknüpfungen und Konflikte beim Abbiegen, auf dem Foto sehr kurze Aufstellflächen für abbiegende KFZ (LKW!). Blendung der Radfahrer, die auf der „falschen Seite“ fahren. Das sieht alles nur hübsch aus, solange kein Verkehr ist.

    Die Separierung des Fahrzeugverkehrs ist und bleibt ein Irrweg.

    Lösungsansatz:
    – Einhaltung von Mindestabständen propagieren und durchsetzen
    – Tempo aus dem Vekehr nehmen
    – Unkompliziertheit, Komfort und vor allem Sicherheit des Mischverkehrs (auch die „subjektive“, sobald genügend Radverkehr auf der Fahrbahn ist) bewerben.

    Alles nichts neues…

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