Entwickeln, Miteinander

Ist das meins? Berlin und seine Liegenschaften

„Niemand hat einen Überblick, wem was gehört.“

„Bitte, was?!“ möchte man aufspringend rufen, als Margaretha Sudhof (SPD), Staatssekretärin der Berliner Senatsverwaltung für Finanzen diesen Satz zum Ende der vergangenen Woche in den Raum des Tschechischen Zentrums stellt.

Es ist der Eröffnungstag des Make-City-Festivals „für Architektur und Andersmachen“, wie es die Veranstalter nennen. Bis Ende Juni wird sich in unzähligen Veranstaltungen damit auseinandergesetzt, was wir jetzt machen mit der wachsenden Stadt mit wenig Geld und großen Erwartungen. An diesem Abend soll es um die Berliner Liegenschaftspolitik gehen und damit um die Frage, was das Land mit seinen eigenen Grundstücken und Immobilien anfangen soll, jetzt, da der Verkauf an den Meistbietenden nicht mehr als Maß alles Dinge gilt.

Und dann haut Sudhof ganz am Anfang mal eben diesen Satz raus, der auch besagt: In dieser Stadt wurden über Jahre Liegenschaften verkauft, ohne zu wissen, was überhaupt alles da ist. Was in etwa so ist, wie wahllos wertvoll wirkenden Hausrat bei Kleinanzeigen-Ebay einzustellen und am Ende zu merken, dass man nun leider mit Händen vom Fußboden essen muss.

In anderen Worten: Die Sache mit dem Flughafen war so zufällig nicht. In dieser Stadt wird erstmal gemacht und später gehofft, dass es so schlecht nicht war. Manchmal geht das gut, manchmal nicht. Wie das Urteil nach vielen Jahren des Grundstücksverkaufs aus Landeshand ausfällt, unterscheidet sich stark, ob man den Investor mit dem Fitetgrundstück oder den Berliner mit Mieterhöhungsschreiben in der Hand fragt.

Immerhin, so die gute Nachricht: Aktuell lässt die Stadt die staatlichen Immobilien clustern und verschafft sich damit erstmals einen Überblick über alles, was Land, Bezirke und Liegenschaftsfonds so gehört. Das Ergebnis könne später sogar veröffentlicht werden, meint Sudhof.

Donnerwetter.


„Wir brauchen einen strategischen Ankauf auch in der Innenstadt.“

Das ist die Meinung der Opposition in Berlin. Katrin Schmidtberger, die für die Grünen im Abgeordnetenhaus sitzt, formuliert sie. Sie will nicht nur beim Verkauf der eigenen Liegenschaften in Zukunft auch das Konzept für deren Nutzung mitbeachtet wissen. Sie möchte vielmehr, dass die Stadt ihren Gestaltungsraum durch Zukauf vergrößert. Das Totschlagargument, auf das sie damit trifft, lautet: kein Geld.

Wäre Berlin nicht so pleite, hätte es mit dem großen Ausverkauf niemals anfangen müssen. Vielleicht wäre es aber auch niemals so hipp geworden, wären Leerstand und Freiflächen nicht so zahlreich und alles so schön abgefuckt gewesen? Ein Teufelskreis.


„Warum rennt die Politik hinterher? Warum gibt es keine Task-Force?“

Engagierte Bürger. Wenn es um die weitere Gestaltung der Stadt geht, kann man auf sie in Berlin niemals verzichten. Andreas Krüger hat in dieser Sache besonders viel Erfahrung: Ihm ist es mit zu verdanken, dass am Moitzplatz in einer alten Pianofabrik heute das Aufbau-Haus Heimstatt der Kreativindustrie ist und kein Kaufhaus. Seitdem ist der selbsternannte Stadtaktivist überall dabei, wo es verlassene Markthallen oder Blumengroßmärkte zu entwickeln gilt. Aus dieser Arbeit stammt die Erfahrung, dass die Politik immer zu spät kommt und schlichtweg zu langsam agiert. Die hält ihm entgegen: Wir sind hier auf der Arbeit und nicht auf der Flucht Gut Liegenschaftspolitik will Weile haben.


Und unterm Strich? Bleibt die Erkenntnis, dass sich Viele ganz schön ausgeliefert fühlen den Entwicklungen, die in Berliner derzeit ablaufen, weil die Grundstücke begehrt sind und Menschen mit Geld damit machen, was Menschen mit Geld halt so machen. Diejenigen, die die Stadt von früher kennen, fordern vom Land Berlin, dass es die alten Freiheiten erhalten oder sogar zurückerobern hilft. Dem fehlt aber immer noch Geld und oftmals auch der Plan. Immerhin verschafft es sich jetzt im Jahr 26 nach dem Fall der Mauer mal einen Überblick über seinen Immobilienbestand.

Das Make-City-Festival läuft noch bis zum 28. Juni in Berlin. Ein Überblick über das weitere Programm findet sich hier.

Voriger Text Nächster Text

Andere Texte zum Thema

2 Kommentare

  • Antworten kdm 18. August 2015 um 13:13

    „engagierte Bürger“ hatten ja auch die Spitzenidee, das Berliner Schloss wieder aufzubauen. Und zwar, wie sie anfangs immer wieder beteuerten, OHNE Steuergelder dafür zu verwenden; das würde man alles selbst und durch Spenden aufbringen.
    Und nun? Wer bezahlt den kaisertreuen Unsinn tatsächlich? Die wohlhabenden, rückwärtgewandten Ideengeber?

  • Antworten Aus der Lesezeichenliste 2015 (1/2) - Nante Berlin 5. Januar 2016 um 14:59

    […] zum Beispiel der Text „Ist das meins? Berlin und seine Liegenschaften“ von Juliane Wiedemeier für ihren lesenwerten Blog zentrale orte. In dem Beitrag setzt sich die […]

  • Kommentieren