Fahren, Miteinander

Halb Bus, halb Taxi, halb Rap-Video-Set: Londons neuestes Verkehrsmittel im Test

Vor die Begegnung mit der Zukunft des Nahverkehrs hat London für mich einen Sprint durch den Hyde Park gesetzt. In eineinhalb Stunden will ich am anderen Ende der Stadt meine Freunde im hippen Shoreditch zum Abendbrot treffen. Die Tube hätte mich zwar auch dahin kutschiert, doch warum unter der Erde versauern, wenn man auch etwas mit dem klangvollen Namen Smart Ride testen kann? Allerdings verkehrt der neueste Zugang auf den Straßen Londons bislang nur in einem ausgewählten Teil der Stadt, und die Karte auf meinem Handy zeigt an, dass ich noch ein wenig rennen muss, um endlich im Einzugsgebiet zu landen.

Smart Ride, das ist die neueste Idee der Macher von Citymapper. Die App vergleicht in mittlerweile knapp 40 Städten auf der ganzen Welt, mit welcher Kombination aus Straßenbahn, Taxi oder Leihfahrrad ich am schnellsten, bequemsten oder günstigsten von A nach B komme. Doch das ist dem Unternehmen nicht mehr genug.

„First we built an app to help you get around town, using open data. But we found the data needed fixing, so we built tools to do so. We also built tools to analyse the data and learned a lot about how people are moving around. When we studied the existing public transit routes, we realised that they don’t always serve people best, nor evolve quickly enough to accommodate changes in the city“,

heißt es in einem Blogpost. Die Routen-Anfragen der Nutzer haben also Löcher im wahrlich nicht unterkomplex erscheinenden Londoner ÖPNV-Netz sichtbar gemacht. In mehreren Versuchsrunden hat Citymapper diese etwa mit Mini-Bussen und einem Nachtbus zu stopfen versucht. Das war alles nicht so ideal, weil Busse besonderen Regeln unterliegen. Sie müssen etwa festen, aufwendig zu beantragenden Routen folgen, was nicht zu einem Start-up passt, das nach einer Woche als Busunternehmen aus seinen Daten herauslesen kann, dass ein etwas anderer Streckenverlauf viel günstiger wäre.

Daher folgte Ende Februar der Auftritt des Smart Rides. Das sind schwarze Limousinen mit sieben Sitzplätzen, was wenig genug sind, um offiziell nicht als Bus zu gelten. Die Autos können sich daher freier in der Stadt bewegen und bieten dennoch genug Platz, um mehrere Leute mit ähnliche Zielen gemeinsam durch die Gegend zu kutschieren. Gebucht wird per App, die einen zum Einstiegsort navigiert, mit dem Nummernschild der Fahrgelegenheit versorgt und zudem zwei Pfund von der Kreditkarte einzieht. Denn mehr kostet der Trip bislang nicht. Die optimalen Routen werden in Echtzeit je nach Nachfrage zusammengestellt und dem Fahrer aufs Navi gebeamt.

Puh. Gerade so geschafft. Ich stehe in einer Seitenstraße nördlich des Marble Arch. In einer Minute soll Vasilica mich einsammeln, sagt die App. Und tatsächlich rollt da ein lichthupendes schwarzes Monstrum auf mich zu, zu dem Lorelay Gilmore sagen würde „No, mum, that’s not a car, that’s a rap video set“.

Aus ökologischer Sicht erscheint mir das nicht wirklich smart, und als ich sehe, dass ich auch der einzige Passagier an Bord sein werde, bin ich echt enttäuscht. Ich allein in einer Mercedes V Klasse, das kann nicht die Zukunft der Fortbewegung in London sein, wo immer mehr Einwohner für immer mehr Staus und immer überfülltere Busse und Bahnen sorgen. Nicht weniger verspricht Citymappers Chef Omid Ashtari jedoch, der sich im Guardian zitieren lässt mit

„We believe in the future of shared transportation in cities, there is no way we’re going to solve for congestion and pollution otherwise”.

Hm.

Der Vorteil, wenn man mit seinem Smart-Ride-Driver alleine im Auto sitzt: Ich darf vorne einsteigen und Fragen stellen. Vasilica kommt ursprünglich aus Rumänien und hat bis vor zwei Wochen Banker und ihre Besucher für einen privaten Limo-Service durch die Stadt gekarrt. Doch seit dem Brexit wird gespart, an Besuchen in London wie an teuren Kundenbespaßungen. Ein Kollege hat ihn dann auf Citymappers Bedarf an Fahrern hingewiesen. „Freitag hat er mir Bescheid gesagt, Samstag habe ich das Auto gekauft, Montag war ich zur Schulung in der Zentrale.“

Wie jetzt – das Auto gehört ihm? Jep, und dass sich das für ihn rechnet, obwohl ich nur umgerechnet 2,30 Euro für die nächste Dreiviertelstunde privaten Fahrservice zahle, da solle ich mir keine Sorgen machen. „Ich bin nicht blöd. Ich weiß, was ich tue.“

Nach außen tritt das Unternehmen wie mein lustiger, unfassbar sympathischer, aber leicht verpeilter Kumpel aus der Neuköllner WG auf (an dieser Stelle bitte ein freundlicher Applaus für das Erfinden des Busmoji). Doch finanziert wird es von Venture Capitalists, und die wollen offensichtlich unbedingt einen Fuß auf die Straße bekommen, wenn gerade eh alle über eine Neuordnung des Verkehrs in der Stadt reden. Mit der Entscheidung für eine Citymaut hat London schon vor Jahren viele private PKW aus dem Zentrum herausgedrängt. Dafür werden Radwege – pardon: Cycling Superhighways – ausgebaut, eine neue U-Bahn-Verbindung ergraben, und auch Uber hat sich breit gemacht. Im vergangenen Herbst wurde dem Taxi-Dienst jedoch wegen Unfähigkeit die Lizenz entzogen. Die rechtliche Klärung steht noch aus, weshalb die Wagen noch buchbar sind. Doch für die Konkurrenz scheint jetzt eine gute Gelegenheit, sich auszubreiten.

Vasilicas Handy brummt. Bislang war darauf nur der Londoner Stadtplan und in Grün die Route eingezeichnet, der er folgen muss – „egal, ob ich eine Abkürzung weiß.“ Hier muss der erfahrene Fahrer dem Algorithmus gehorchen. Doch nun hat sich tatsächlich noch ein weiterer Mitfahrer angemeldet. Wir halten wieder an einer ruhigen Nebenstraßenkreuzung, die nur derjenige als Bushaltestelle erkennt, der in die App schaut. Ein Mitdreißiger in Steppweste steigt ein, platziert seinen Aktenkoffer neben sich und fragt als erstes nach einem Ladekabel für sein Handy. Vasilica reicht einen Kabelwust nach hinten – da sollte sogar für Windows-Phone-Fans etwas dabei sein. Was natürlich nicht heißt, dass unser Neuzugang nicht das neueste iPhone hat.

Ob ich ein paar Fragen stellen dürfe? „Sicher.“

Den Smart Ride nutzt er seit ein paar Wochen, weil es schneller geht als mit der U-Bahn, die Umsteigen erfordert, und günstiger ist als Uber. Außerdem hat er schon wirklich gute Gespräche geführt. Tatsächlich hatte Vasilica mir vorher erzählt, dass die sechs Sitzplätze hinten mit Absicht einander zugewandt sind. Wirklich voll sei der Wagen bislang aber nie gewesen. „Drei Leute Maximum.“

Um es mit Citymappers eigenem Pressebild zu sagen: da ist noch Platz bis zur Revolution. Aber vielleicht habe ich bekennende Berliner Bahnfahrerin auch zu hohe Ansprüche. Natürlich wird ein kleiner Bus beim Transport der Massen nicht die Effizienz einer U-Bahn ersetzen. Aber wenn statt drei Uber-Wagen ein Smart-Ride durch London rollt, ist das schon mal eine Verbesserung.

„Soll ich vor oder nach dem Bus anhalten?“ Wir sind in der Nähe der Bank und damit am östlichsten Punkt, den ich mir im aktuellen Betriebsgebiet der Smart Rides aussuchen konnte. Nach Shoreditch muss ich noch ein Stück laufen, aber ich muss dennoch zugeben: das war sehr bequem. Ich musste mich nicht über einen übervollen Bahnsteig quetschen, niemand roch unangenehm, und für zwei Pfund hätte ich die Tube-Tour um diese Uhrzeit auch nicht bekommen.

Smart Ride versteht sich als Angebot in der Mitte. Etwas für Leute, die gerne von Tür zu Tür gefahren werden, aber nicht so viel bezahlen wollen wie für ein Taxi und dafür Gesellschaft in Kauf nehmen (oder sogar wünschen). Mir stellt sich nur eine Frage: Gibt es dafür eine ausreichend große Zielgruppe?

An der Straßenecke, an der Vasilica mich absetzt, parkt eine schwarze Limousine, leer und auf Kundschaft wartend. Ich stelle mich daneben, warte ebenfalls, doch sie bewegt sich nicht. Wenn eines nicht die Zukunft des Stadtverkehrs ist, dann ist das Stillstand. Der Algorithmus der Citymapper merkt das gerade aber sicher auch.

Grafiken (2): Gilbert Wedam, Citymapper Limited / Screenshots & Foto: jw

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