Fahren

Fünf Dinge, die Amsterdam übers Radfahren lehrt

Wir müssen über Fahrräder und Amsterdam sprechen. Aber erst schauen wir uns dieses bezaubernde Bild einer Amsterdamer Gracht an. Wenn sich zu sowas Gelegenheit bietet, sollte man das nicht auslassen.

2016-07-17 16.12

Ist es nicht schön? Gleich noch eins.

2016-07-17 15.40.37 HDR

Man stelle sich vor, Berlin sähe so aus! Was natürlich niemals so kommen wird, denn erstens hat hier niemand Geld für Blumen, und zweitens bzw. selbst wenn es so wäre, würde sich innerhalb von Minuten ein Autonomer finden, der diese Zeugnisse blühender Dekadenz in Brand steckte. Außerdem vertragen sich die natürlichen Bewohner Berliner Gewässer – alte Penny-Einkaufswagen und motorisierte Grill-Boote – nicht mit einer solchen Idylle.

Aber wir wollten ja übers Radfahren in Amsterdam sprechen. Behaltet alles, was Ihr jemals darüber gehört habt. Denn es stimmt: So viele Radfahrer! So viele Radwege! So entspannt! Und das Beste: Andere Städte können davon noch etwas lernen. Auch wenn sie, wie Berlin, in anderen Aspekten so, nun ja, anders sind.

 

1. Wenn es viele Radwege gibt, fahren auch viele Menschen Rad.

So einfach ist das, und auch genau in dieser Reihenfolge. In Amsterdam gibt es nicht so viele Radwege, weil so viele Menschen Fahrrad fahren, sondern umgekehrt. Es ist schlichtweg die einfachste und komfortabelste Möglichkeit, durch die Stadt zu kommen, und da Menschen einfach und komfortabel lieben, machen sie mit. Dass sie dabei Umwelt und Gesundheit etwas Gutes tun, ist eher zweitrangig.

2016-07-18 12.55.40 HDR

2. Viel Platz sorgt für viel Sicherheit.

Den meisten Platz bekommen die Autofahrer und -parker, gefolgt von den Fußgängern und dann, wenn überhaupt, erst die Radler. So ist die althergebrachte Straßenaufteilung in vielen deutschen Städten, die natürlich nicht althergebracht ist, denn Autos gibt es ja noch gar nicht so lange. Aber etabliert ist dieses System trotzdem.

In Amsterdam ist das anders. Radfahrer haben fast überall eine eigene, meist durch Bordsteine oder Parkbuchten abgetrennte Fahrspur, die breit genug ist, dass man auch ein Lastenrad noch überholen kann. Manchmal ist bei dieser Straßenaufteilung auch gar kein Auto vorgesehen – Fußweg, Radweg, Tramspur: fertig.

2016-07-17 16.56

Aber es geht ja darum, was man aus dieser Sache lernen kann. Nämlich: Die Radfahrer fühlen sich gleichberechtigt, ernst genommen – und sicher. In Berlin etwa fahren nicht nur immer mehr Menschen Fahrrad. Es tragen dabei auch immer mehr Menschen einen Helm. In Amsterdam habe ich nur einmal Radler mit Helm gesehen, und die waren in Elastan gekleidet und auf Rennrädern unterwegs.

 

3. Radwege entlasten Gehwege.

Das Vorhandensein von Radwegen führt noch zu etwas Anderem: Die Fußwege sind plötzlich Rad-freie Zone. Dieses ewige Ärgernis für Fußgänger erledigt sich von selbst, wenn Radler anderswo genug Platz haben und sich, Wiederholung, sicher fühlen.

2016-07-17 16.03.42 HDR

 

4. Auch ein Fahrrad braucht Park-Platz

Ein Rad lässt sich wesentlich platzsparender abstellen als ein Auto. Doch die Masse macht’s. Also gibt es in Amsterdam Fahrradparkhäuser, Fahrradständerparks, abgegrenzte Stellplätze auf Gehwegen und sogar Haken in Häuserwändern zum Radanschließen. In der Folge parken die allermeisten Fahrräder tatsächlich dort, wo sie hingehören, und nerven nicht vor Hauseingänge oder in Hecken (s. oben), zumal so ein offizieller Radstellplatz meist den unschätzbaren Vorteil mit sich bringt, dass man das Rad dort auch anketten kann (was zumindest schlichtere Diebe abschreckt).

2016-07-19 11.02.59 HDR

5. Aber: Stellen Radler die Mehrheit, benehmen sie sich auch so.

Als Radfahrer in Berlin rollt man die Augen über rechtsabbiegende, aber selten vorher rechts schulterblickende Autofahrer. Als Fußgänger in Amsterdam vollführt man Gleiches, weil die Radfahrer sich kein Stück um die Zebrastreifen kümmern, die einen sicher über den Radweg geleiten sollen, das aber nicht machen, weil kein Radler davor hält.

Ihnen viel Platz auf der Straße einzuräumen, löst viele Probleme. Dass Radfahrer diese neue Freiheit aber auch nutzen, um Fußgänger zu terrorisieren, nervt. Nach Jahrzehnten Erfahrung im Sich-von-Autos-benachteiligt-Fühlen (das ist ein Radweg und kein Stellplatz, Du trotteliger SUV-Fahrer auf dem Weg zu Bio-Markt!) könnte man ein bisschen mehr Empathie erwarten. Alternativ könnte auf dem Weg zur Fahrradmetropole, wenn denn gewünscht, auch die Installation des ein oder anderen Hubbels helfen, der Radler beim Rollen über traumhafte Fahrradhighways kurz aus dem Schlaf reißt, bevor sie einen Fußgängerüberweg ignorieren.

Auch das können andere Städte von Amsterdam lernen.

Schluss und Grachtenfoto.

2016-07-19 21.30

Fotos: jw

Voriger Text Nächster Text

Andere Texte zum Thema

Keine Kommentare

Kommentieren