Entwickeln, Wohnen

Es ist noch Platz für neue Wohnungen da

Was tun, wenn immer mehr Menschen in Städte ziehen und die Mieten darüber ins Unendliche steigen? Neue Wohnungen bauen! Doch wo soll man die noch unterbringen, nachdem die letzte Baulücke geschlossen wurde und keine Fabrik mehr in Lofts umgewandelt werden kann?

Fünf findige Beispiele aus Berlin. 

 

(1) Supermarktdächer

Wo Menschen wohnen, darf das Essen nicht weit sein. Seit das Jagen und Sammeln in Städten eingestellt wurde, ist dafür ein Besuch im Supermarkt vonnöten. Leider hat es sich in der Vergangenheit durchgesetzt, dass diese als unschöne Einstockbunker daherkommen. An der Bornholmer Straße in Berlin Prenzlauer Berg fanden die Lokalpolitiker das eine Platzverschwendung und koppelten die Baugenehmigung für einen neu zu bauenden Lidl an die Auflage, dass auf dessen Dach Wohnraum entsteht. Das Ergebnis ist im Bild oben zu bewundern.

Das Beispiel hat mittlerweile Schule gemacht, sodass an anderen Stellen im gleichen Bezirk sogar bestehende Märkte abgerissen und durch Varianten mit Wohnraum ersetzt werden. Wobei man in diesen Fällen etwas pragmatischer vorgeht und statt einem Supermarkt mit Wohnungen auf dem Dach mehrstöckige Wohnhäuser mit Supermarkt im Erdgeschoss errichtet.

 

(2) Parkplätze

Ein nicht zu verachtender Teil der Fläche in einer Stadt ist dafür reserviert, dass Menschen dort ihre Autos abstellen können. Dieses Privileg wird nun angekratzt, indem man Parkplätze zu Neubauflächen erklärt. Auch hier kommt ein praktisches Beispiel aus Prenzlauer Berg, wo am Ernst-Thälmann-Park auf Parkplätzen neue Wohnungen entstehen sollen.

Bislang sind das nur Pläne, auf die die Anwohner mit schierer Panik reagiert haben. Denn nichts nervt Autobesitzer mehr, als abends stundenlang auf Parkplatzsuche zu gehen. Die Politik hingegen setzt darauf, dass der Trend sich fortsetzt und Berliner sich nach und nach von ihren Autos verabschieden. Schon heute kommen in Prenzlauer Berg auf 1000 Einwohner nur 280 Autos. Der deutsche Durchschnitt liegt bei 520 Wagen. Der Platz, der dadurch frei wird, kann zu Wohnraum werden.

 

(3) Friedhöfe

Wenn Menschen sich lieber in Urnen als in Särgen bestatten lassen wollen, dann ist das nicht nur eine Veränderung der Bestattungskultur, sondern auch platzsparend. Schon vor fast zehn Jahren wurde ich Berlin daher ein Friedhofsentwicklungsplan erstellt, der Ideen sammelt, wie man einstige, nun nicht mehr benötigte Friedhofsflächen anderweitig nutzen kann.

Einen Großteil der Areale hat man für Parkanlagen vorgesehen. Doch auf einigen ist auch Wohnbebauung denkbar. An der Landsberger Allee in Friedrichshain soll etwa auf einem Teil des St.-Georgen-Parochial-Friedhofs ein Neubau mit 40 Wohnungen entstehen. Aktuell wird der Bebauungsplan aufgestellt.

Da die Totenruhe von 30 Jahren beachtet werden muss und zudem die Umwidmung einer Friedhofsfläche in ein Baugrundstück etwas Bürokratie erfordert, ist die Bebauung von Friedhöfen keine kurzfristige Lösung. Aber das Thema wird angegangen.

 

(4) Bahnflächen

Es ist nicht so, als würde es in Berlin derzeit an Bahnhöfen mangeln. Aber dennoch muss man erkennen, dass es früher noch viel mehr von ihnen gab. Dass eine Stadt nach der Industrialisierung wesentlich weniger Güterbahnhöfe und Bahnstrecken braucht, und dass zudem das System der Kopfbahnhöfe aus der Mode gekommen ist, lässt sich heute für Neubauten nutzen.

Auf dem ehemaligen Rangierbahnhof Pankow sollen nicht nur 750 Wohnungen, sondern auch ein Einkaufszentrum, Möbelhaus und Schulen entstehen. Aktuell hakt es bei den Planungen wegen Detailfragen, aber die Nachnutzung der Brache ist fest vorgesehen. Auch auf den ehemaligen Güterbahnhöfen Wilmersdorf und Greifswalder Straße sollen bald Wohnungen gebaut werden.

 

(5) Straßen

Die Berliner Grünen taten sich unlängst mit dem Vorschlag hervor, man könne doch besonders breite Straßen bebauen. Soweit, dass Verkehrs- zu Wohninseln werden, ist es zwar noch nicht. Aber eine Fläche, die lange für den Bau einer Stadtautobahn vorgehalten wurde, zu nutzen, ist aktuell in der Planung. Über 1000 Wohnungen sollen an der Michelangelostraße in Prenzlauer Berg dort entstehen, wo man einst von einem Ausbau der A 100 einmal rund um die Innenstadt träumte. Zwischengenutzt wird die Fläche aktuell als Parkplatz.

 

Selbst in verdichteten Innenstädten finden sich also immer noch Möglichkeiten, um neue Wohnungen zu bauen. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass zusätzliche Bewohner auch neue Schulen, Kitas, Einkaufs- und Erholungsmöglichkeiten benötigen. Städte wurden im Zuge der Industrialisierung auf aufgrund ihrer hohen Dichte zu Molochs. Wer jedes Fleckchen einer Stadt bebaut, riskiert also, dass dort später niemand mehr wohnen möchte. 

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