Fahren, Vergangen

Die Erfindung des Stadtverkehrs

Wien 1814. Dort, wo heute die berühmte Ringstraße verläuft, befindet sich die Stadtmauer. Innen liegt das Zentrum mit Hofburg und Stephansdom, draußen die Vorstadt. Statt den heutigen 1,7 Millionen zählt die Stadt gerade einmal 250.000 Einwohner und ist damit hinter London und Paris doch die drittgrößte Europas.

Zwei Mal hat Napoleon sie in den vergangenen Jahren eingenommen, bevor der Siegeszug seiner Truppen 1813 bei Leipzig endete. Ein Jahr später tagen in Wien die europäischen Machthaber, um das politische Gefüge des Kontinents neu zu ordnen. Restauration lautet das Wort, an das man sich in diesem Zusammenhang aus dem Geschichtsunterricht erinnert. Doch Wien war damals nicht nur der Ort, an dem Fürsten und Kaiser sich noch einmal ihrer Macht versicherten. Erstmals musste eine Stadt angesichts der Vielzahl von Besuchern erleben, was Verkehrschaos bedeutet, und lernen, wie man es bändigt.

Manche Entscheidungen, die damals getroffen wurden, prägen unser Leben noch heute. 200 Jahre nach dem Kongress erinnert daran die Ausstellung „Der Kongress fährt“ in der Kaiserlichen Wagenburg Wien, deren Direktorin Monica Kurzel-Runtscheiner für Zentrale Orte erklärt, was damals neu war und heute oft Alltag ist.

Wiener Straßenszene um 1830

Dies ist zugegebenermaßen eine Wiener Straßenszene um 1830. (Alle Fotos: KHM)

Kurzel-Runtscheiner: „In Wien wurden damals Machthaber aus ganz Europa samt ihrer Entourage erwartet. Wir wissen nicht genau, wie viele Menschen wirklich zusätzlich in die Stadt strömten – die Zahlen variieren von 40.000 bis 100.000.

Vornehme Gäste erreichten Wien in ihrer eigenen Reisekutsche. Doch es war unvorstellbar, diese auch für den Transport in der Stadt zu nutzen. Das wäre, als würde man mit dem Jogginganzug in die Oper gehen. Dafür musste eine Lösung gefunden werden.

Man entschied sich, selbst Kutschen zur Verfügung zu stellen. Kaiser Franz war eigentlich ein sparsamer Mann und sein Fuhrpark nach über zwanzig Jahren Krieg für ein solches Ereignis nicht ausgerüstet. Also wurden insgesamt 170 Fahrzeuge in vier unterschiedlichen Grundtypen gebaut, damit je nach Gast, Anlass und Tageszeit das angemessene Gefährt zur Verfügung stand.

Vor den Toren der Stadt wurde eine große Remise adaptiert, in der die Reisekutschen der Gäste untergestellt werden konnten. Danach nutzten sie das Angebot des kaiserlichen Fuhrparks.“

→ Was bleibt? Auch wenn es damals noch nicht den Namen trug, so ist das System des „Park and Ride“ doch bis heute im Einsatz, um die Autos von Pendlern und Touristen vor der Stadt zu halten und diese vor dem Verkehrsinfarkt zu bewahren.

.
„Die Kutschen der Kongressteilnehmer genossen Vorrechte. Sie durften zum Beispiel in den Ehrenhof von Schloss Schönbrunn einfahren und hatten immer Vorfahrt. Damit man sie gleich erkennen konnte, wurde ihnen ein einheitliches Aussehen verpasst, dunkelgrün mit Dekor aus echtem Gold. Damit war die Corporate Identity erfunden. Viele Fürsten haben die Idee dann übernommen und bei sich zu Hause kopiert.“

Selbstverständlich sind die Busse des Nahverkehrs und Taxen heute in Farbe und Form einheitlich, damit man sie und ihr Recht auf die Busspur schon von weitem erkennen kann.

 

Monica Kurzel-Runtscheiner

„In Wien wurden vier Standplätze eingerichtet, wo Kutschen und Personal auf Abruf bereit standen. Man hat gedruckte Formulare ausgelegt, auf denen man angeben musste, welche Kutsche und welche Anspannung man benötigte und wann und wo man abgeholt werden wollte. Das Angebot bestand rund um die Uhr. Die Kutscher mussten innerhalb von fünfzehn Minuten am angeforderten Ort sein. Während der acht Monate, die der Kongress dauerte, wurden über 40.000 Fuhren angefordert. Damit war jede Kutsche pro Tag viermal unterwegs.“

Was heute demjenigen mit genügend Geld Taxi und Uber sind, war damals denjenigen mit dem nötigen Adelstitel der kaiserliche Fuhrpark.

 

„Der Verkehr in der Stadt ist damals explodiert. Es gab viele Klagen über zu schnelles Fahren und auch immer wieder Unfälle.

Es gab damals schon Verkehrsregeln. Es war zum Beispiel verboten, zu schnell zu fahren. Die grünen Kutschen des Hofes und der Kongressteilnehmer hatten immer Vorfahrt. Schilder oder Ampelvorläufer gab es noch nicht.“

Wo viel gefahren wird, kann man auch viel falsch machen. Die Verkehrsregeln, die wir heute kennen, kamen aber erst mit dem Auto und der damit möglich gewordenen Geschwindigkeit auf. Einem Staatsbesuch Vorfahrt zu gewähren, hat sich jedoch erhalten.  

 

„Vor allem bei großen Festen stand man auch gerne mal im Stau. Für eine Strecke von fünfzehn Minuten hat man dann plötzlich zwei Stunden gebraucht. Doch auszusteigen und zu Fuß zu gehen wäre nicht standesgemäß gewesen und kam nicht in Frage.“

Das System Stau hat sich seit seiner Erfindung 1814/15 nahezu unverändert erhalten.

Berline des Wiener Hofes

 

„Nachts hat man die Straßen illuminiert. An einem Abend wurde sogar der komplette Weg von Wien bis Laxenburg (fast 20 Kilometer, Anm. d. Red.) mit Fackeln beleuchtet, weil dort ein Fest stattfand.“

Ohne Straßenbeleuchtung braucht sich heute keine Stadt mehr sehen zu lassen – auch wenn aus den Fackeln über die Jahre erst Gaslaternen und später LED-Leuchten wurden.

 

„Es gab bereits Trottoirs. Sie waren gut gepflastert, sodass man dort bequem gehen konnte, nur erhöht waren sie nicht. Das führte dazu, dass immer wieder Wagen darüber fuhren, was ebenfalls Unfälle verursachte.“

Wenn viele Fahrzeuge die Straßen beanspruchen, sind die Leidtragenden bis heute die Fußgänger. Sie an den Rand der Staßen zu drängen und dem fließenden Verkehr den meisten Platz einzuräumen, ist auch heute noch üblich.

 

Die Ausstellung „Der Kongress fährt“ ist noch bis zum 1. November 2015 in der Kaiserlichen Wagenburg in Wien zu sehen. Weitere Informationen gibt es auf deren Internetseite

Voriger Text Nächster Text

Andere Texte zum Thema

Keine Kommentare

Kommentieren