Entwickeln, Kaufen, Mieten, Wohnen

Das Kreuz des Königs

In King’s Cross ist alles umsonst. Man möchte die Ausstellung im Besucherzentrum ansehen? Spontan an der Führung teilnehmen? Ein paar der hübschen Postkarten mitnehmen? Gleich zwei der dicken Hochglanzbroschüren? Alles kein Problem! Geld spielt hier keine Rolle! Zumindest, wenn es darum geht, interessierte Besucher von der Großartigkeit dieses Projektes zu überzeugen, das in seiner Dimension sogar für das gerade massiv wachsende London einmalig ist.

Über 150 Jahre ist es her, dass am damaligen nördlichen Stadtrand im Zuge der Industrialisierung zwei Bahnhöfe entstanden: St. Pancras und King’s Cross – eine Statue König George des IV., die eine Zeitlang an einer örtlichen Straßenkreuzung stand, gab dem gesamten Areal seinen Namen. (Einen Stadtplan aus der Zeit findet man hier.)

Die aus den Bahnhöfen Richtung Norden verlaufenen Gleise umschließen eine eiförmige Fläche von knapp 30 Hektar, auf denen bald ein geschäftiges Treiben herrschte: Angelieferte Güter wie Kohle, Fisch und Getreide wurden ent- und umgeladen, es entstanden Büros und Arbeiterwohnungen, und deutsche Auswanderer bauten eine Sporthalle für ihre „German Gymnastics Society“. Londons Industrie boomte, und mit ihr King’s Cross.

Folglich traf es das Areal schwer, als dieser nach dem Zweiten Weltkrieg die Luft ausging. Zurück blieben verfallende viktorianische Backsteinbauten und diejenigen, die man an anderen Orten der Stadt nicht wollte: Arme, Trinker, Prostituierte. Bis in die 1990er Jahre blieb die Fläche trotz ihrer zentralen Lage unter Aller Radar. Ein paar Künstler und Clubs siedelten sich an, doch vom großen Umschwung war nichts zu spüren. Dafür sorgten erst zwei politische Entscheidungen.

1998 bezog die British Library ihr vom britischen Architekten Sir Colin St John Wilson entworfenes Gebäude in direkter Nachbarschaft des Bahnhofs St. Pancras, was das Viertel erneut in den Fokus rückte. Als dieser neun Jahre später zum neuen Halt des Eurostars und damit der Direktverbindung zum europäischen Festland erklärt wurde, war die Gentrifizierung schon angelaufen.

Wenn man heute zwischen den Bahnhöfen der frisch gepflasterten Straße immer am Bretterzaun entlang Richtung Norden folgt, trifft man auf hochglanzsanierte Backsteinbauten neben modernster Architektur, auf Baukräne und folgendes Schild:

„Willkommen in King’s Cross. Bitte verhalten sie sich auf diesem Privatgrundstück rücksichtsvoll. Für Ihre Sicherheit und Schutz wird das Gelände mit Videokameras überwacht.“

Eine Stadt lebt auch von ihrem öffentlichen Raum, der allen gehört und den jeder nutzen kann. Hier, in King’s Cross, ist dieser ebenso privatisiert, wie die Neubauten unbezahlbar aussehen.

Auf den ersten Blick ist das stylische neue Viertel, das hier entsteht, für jeden Fan einer durchmischten Stadt also der Alptraum.

Die hochmotivierte ältere Britin, die kurz darauf über das Gelände führt, sieht das berufsbedingt anders. Sie arbeitet im Besucherzentrum, das der Eigentümer – die King’s Cross Central Limited Partnership (KCCLP) – eingerichtet hat, um Anwohner und Interessierte über ihre Entwicklungspläne zu informieren, an denen sie seit dem Jahr 2000 feilt.

Wer es kritischer mag, sagt, dass sie für ihr Mulitmilliarden-Pfund-Projekt gut Wetter machen müssen. Denn die Aufwertung der Gegend, die sie massiv vorantreibt, ist angesichts explodierender Mieten und Immobilienpreise in London längst nicht mehr bei allen gerne gesehen.

Hinter der 2008 gegründeten KCCLP stecken der britische Immobilienentwickler Argent, DHL sowie der staatlichen Entwickler von Bahnflächen London and Continental Railways (LCR) (der in der vergangenen Woche angekündigt hat, seinen Anteil verkaufen zu wollen, um Schulden zu tilgen). Dass eine so große Fläche nur einen Besitzer habe und daher aus einer Hand entwickelt werden könne, sei eine einmalige Chance, erzählt die Dame. Nur so würden die großen Freiflächen, die aufeinander abgestimmte Architektur und die angestrebte Mischnutzung ermöglicht.

"Willkommen in King's Cross"

2020 sollen die Arbeiten auf dem Gelände abgeschlossen sein. Bis dahin sollen etwa 2000 Wohnungen und 650 Studentenappartements sowie 300.000 Quadratmeter Bürofläche fertiggestellt sein, auf denen unter anderem Google seinen Hauptsitz beziehen soll. Jamie Oliver wird ein Restaurant eröffnen und seine ganze Firma mit nach King’s Cross bringen. Läden, Galerien und weitere Restaurants werden folgen.

Daneben finden jedoch auch öffentliche Einrichtungen ihren Platz: Im September sollen zwei Schulen eröffnen, eine davon für hörgeschädige Kinder. Schon 2011 zog die University of the Arts in eines der viktorianischen Lagerhäuser. Im vergangenen Jahr folgte die Verwaltung des Londonder Bezirkes Camden, ohne deren Zustimmung KCCLP niemals hätte bauen dürfen. Neben Büros kommen ein Sportzentrum und eine Bibliothek in dem Neubau unter. „Auch wenn ich nicht weiß, ob es eine gute Idee ist, wenn man nun auf dem Weg zum Arbeitsamt seinen Nachbarn treffen kann, der gerade vom Sport kommt“, meint unsere Führerin.

Wie? Arbeitsamt? Alle Beschreibungen bisher ließen nicht vermuten, dass sich Menschen ohne Job und die entsprechenden finanziellen Mittel nur in die Nähe des neuen Viertels wagen dürften. Aber tatsächlich ist auch an diejenigen mit weniger Geld gedacht: „40 Prozent der Wohnungen zu bezahlbaren Mieten werden vor allem an Familien gehen. Ist das nicht großartig?“, freut sich die Britin.

Blick auf die Kunsthochschule und einen Stadtplatz

Was sie nicht sagt, ist, dass die Politik dies zur Bedingung machte, als sie 2006 grünes Licht für das riesige Bauprojekt gab. Eigentlich gilt in Camden die Vorgabe, dass bei Bauvorhaben dieser Größenordnung 50 Prozent der Wohnungen an Menschen mit weniger Geld gehen sollen. Man machte damals also schon ein Zugeständnis.

Vor kurzem wurde nun bekannt, dass man auch diesen Anteil noch einmal senken möchte, auf etwa 33 Prozent. Möglich ist das, weil die staatlichen Zuschüsse, die die Wohnungen erschwinglich machen, zurückgefahren werden. Im Gegenzug müssen sich nun auch die Investoren nicht mehr an die Abmachung halten.

„The development of King’s Cross in London, now about half complete, is the most substantial fulfilment yet of an idea that the best way to transform an urban area, and to improve the lives around it with facilities and investment, is for commercial development to take the lead, while working closely with local authorities and local communities. It requires property companies to act like de facto municipalities, while making a profit for their backers. The idea is a manifestation of what Tony Blair called the ,third way’, and David Cameron the ,big society’, without achieving that much by way of tangible results.“

So stand es im vergangenen Oktober im Observer, der seine Redaktionsräume mit Blick auf die Großbaustelle hat. Doch die aktuelle Entwicklung zeigt, wo die Schwierigkeiten liegen in der hier formulierten Hoffnung, dass Unternehmen die Stadt im Zweifel besser entwickeln könnten als die chronisch klammen Kommunen.

Am Ende des Tages kann man einem Investor nicht vorwerfen, dass er Geld verdienen möchte. Es ist die Politik, die sicherstellen muss, dass in einer Stadt Platz für alle ist.

Zum Abschluss der Tour über das Gelände passieren wir das Gebäude der Kunsthochschule. In einem überdachten Innenhof sind Tischtennisplatten aufgebaut. „Jeder kann sie benutzen“, erzählt die ältere Dame. „Man muss sich dafür nur bei mir melden und Schläger und Bälle abholen. Hier ist alles öffentlich.“

Das ist Ansichtssache.

Das Haus Two Pancras Square ist Heim der Allies and Morrison Architects
(Fotos: jw)

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