Fahren, Miteinander

Berlin macht Platz für Fußgänger

Am Wetter kann es schon mal nicht liegen. Schönste Herbstsonne bescheint die frisch aufgestellten Bänke auf dem Teil der Maaßenstraße, der bis vor kurzem noch den Autos vorbehalten war. Hier könnte man sich nun hinsetzen, die Kinder auf den Steinquadern und Plastetieren herumtollen lassen und sich von der Einkaufstour durch den Berliner Stadtteil Schöneberg erholen. Doch das macht niemand. Lediglich ein paar der neuen Fahrradständer sind im Einsatz. Auf dem Bürgersteig flanieren die Fußgänger, auf der verbliebenen Straßenspur passieren Autos und Radler. Nur in der frisch umgenutzten Fläche herrscht gähnende Leere.

Da scheint etwas gehörig schief zu laufen in der Begegnungszone Maaßenstraße – dem neusten Modellprojekt der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Eigentlich soll sie die Berliner dazu bringen, öfter zu Fuß zu gehen, und zudem das sichere Nebeneinander der unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer fördern. Daher hat man auf einer Länge von etwa 230 Metern in der beliebten Einkaufs-, Wohn- und Restaurantstraße die Parkplätze gestrichen und den Autos eine Fahrbahn abgetrotzt. Auch die auf dem Bürgersteig verlaufenen Radwege wurden eingespart. Die gewonnene Fläche hat man mal recht, mal links des Weges mit Pollern und Bordsteinkanten abgeteilt und mit Bänken – das internationale Zeichen für „hier kannst du verweilen“ – ausgestattet. Damit hier wirklich jeder sitzen darf, dürfen die Gastronomen hier keine zusätzlichen Tische aufstellen.

Wie ein Fluss mäandriert dazwischen die Straße, die Radfahrer und Autos sich von nun an wieder teilen. Die Begrenzung auf eine Fahrspur pro Richtung und die kurvige Verkehrsführung sorgen wie von selbst dafür, dass niemand schneller als mit den erlaubten 20 km/h unterwegs ist. Dieser Teil der Verkehrsberuhigung scheint aufzugehen. Nur die Fußgänger mögen die Neuerung nicht so einfach annehmen. „Da haben die hier so lange gebraucht, um diese hässlichen Teile aufzustellen. Schön ist was anderes“, meint eine Passantin.

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Ein älterer Herr, der es samt Enkelkind gerade als einziger wagt, eine der Bänke auch zu benutzen, finden die Umgestaltung hingegen gelungen. „Es ist ruhiger als früher; das ist doch schön. Außerden finde ich die Idee gut, dass man sich hier in der Nähe zur Eisdiele auch einmal hinsetzen kann“, sagt er. Dass aktuell noch ein paar Baustellenmaterialen herumstehen, die seit der Eröffnung der Begegnungszone Anfang Oktober noch niemand abgeholt hat, sieht er als einen möglichen Grund, dass er so allein auf seiner Bank sitzt. „Und man hätte das vielleicht ein bisschen weniger modern gestalten sollen – nicht so viel Silber, mehr Holz“, meint er.

Tatsächlich hätte man bei dem, was die Planer Stadtmöbel nennen, ein wenig kreativer sein können. Hier sind zwei silberne Bank-Typen – mit und ohne Lehne – im Einsatz. Außerdem hat man ein paar Betonquader aufgestellt, drei Plastetiere und den Rest der Fläche mit Fahrradbügeln aufgefüllt. Das geht viel einladender.

Doch der Berliner Senat wollte sparen. „Unter Berücksichtigung der Berliner Haushaltslage werden aufwändige Komplettumbauten kaum möglich sein. Deshalb werden Wege gesucht, wie auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln die Situation verbessert werden kann“, heißt es auf der Website zum Projekt. Dass hier im Vergleich zu anderen Berliner Vorzeigeprojekten wie dem Park am Gleisdreieck schmalspur-geplant wurde, sieht man. 800.000 Euro haben die nötigen Umbaumaßnahmen dennoch gekostet, die zum Teil aus EU-Mitteln getragen wurden.

Dabei ist die noch fehlende Akzeptanz bei denjenigen, für die die neue Fläche geschaffen wurde, nicht das einzige Problem. „Ich habe bis zu 25 Prozent Umsatzeinbruch. Das geht uns allen so“, erzählt der Schreibwarenhändler der Straße. Seitdem man vor dem Laden nicht mehr parken dürfte, blieben die Kunden aus.

Das beklagt auch der Mitarbeiter des Coffeeshops gegenüber. Zudem sei es mit der Belieferung schwierig. Zwar dürfe der Wagen weiterhin kurz vor der Tür halten, doch damit hielte man den kompletten Verkehr auf. Nicht einmal den neu hinzugewonnenen Außenfläche, wo das Café nicht einmal selbst Stühle aufzustellen braucht, vermag er etwas abzugewinnen. „Das sitzt doch nie einer.“

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Doch für einen Abgesang ist es einen Monat nach Eröffnung noch zu früh. Vielmehr erkennt man, wie sehr sich die Fußgänger daran gewöhnt haben, an den Straßenrand gedrängt zu werden. Plötzlich dort willkommen zu sein, wo bislang Autos unterwegs waren, scheint nicht so einfach zu vermitteln zu sein. Ein wenig Gewöhnung und der nächste Sommer bergen jedoch durchaus noch die Chance, dass sich daran noch etwas ändert.

Der Senat wird das genau beobachten. Schließlich möchte er das Konzept auch an anderen Orten der Stadt verbreiten. In der Kreuzberger Bergmannstraße läuft aktuell die Bürgerbeteiligung, die auch in Schöneberg der Einrichtung der Begegnungszone vorausgegangen ist. 2017 sollen dann auch die Planungen für die Umgestaltung des Bereichs um den Checkpoint Charlie beginnen.

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