2016-08-31 15.14
Fahren

Bike Bild: Das E-Bike unter den Porsches

„Diddie Schneider grinst kurz verschmitzt.“

Falls Sie dies nicht für den optimalen Einstiegssatz in einen Text halten, dann kaufen Sie sich bloß keine Bike Bild. Deren Autoren tragen nämlich im Sinne von Ökologie und Nachhaltigkeit bevorzugt alte Lokalzeitungs-Phrasen auf.

Wie bitte, Bike Bild? Ganz recht: Der Axel-Springer-Verlag hat nach Auto Bild, Sport Bild, Computer Bild, Test Bild, Bild Bild, Bild am Sonntag und Bild der Frau am heutigen Mittwoch eine Bike Bild an den Kiosk gebracht. Da der Titel sowohl „Die neue Rad-Lust“ als auch „Bessere(n) Sex durch Radfahren!“ verspricht, habe ich sie gleich gekauft. Und bis zum Schluss gelesen, obwohl schon auf Seite 10 eine Frau mit sehr kurzen Hosen und durchsichtigem Oberteil neben einem sehr angezogenen Herrn und auf Seite 11 ein Mountain-Bike zum Ausmalen abgebildet waren.

Aber gehen wir es strukturiert an: Die Bike Bild kostet 3,50 Euro, hat eine Auflage von 200.000 Stück und soll nach bisherigen Planungen im kommenden Jahr bis zu vier Mal erscheinen.

„Der Fahrradbestand in Deutschland ist so hoch wie nie zuvor: Rund 72 Millionen Stahl-Renner, Hollandräder und City Cruiser sind auf den Straßen der Bundesrepublik unterwegs. Das neue Magazin Bike Bild (…) entspricht diesem Zeitgeist. Das Besondere: ,Bike Bild – Faszination Fahrrad’ ist Deutschlands erster Generalist unter den Fahrradmagazinen“,

heißt es in der Pressemitteilung des Springer-Verlags.

Wenn dieser glaubt, mit einem Thema Geld verdienen zu können, dann ist es auf dem Massenmarkt angekommen. Die Autoren der Bike Bild scheint diese Erkenntnis jedoch kalt erwischt zu haben. Auf den ersten Seiten quälen sie sich mit Phrasen wie „Denn die meisten Auto- sind auch Fahrradfahrer. Und umgekehrt“ oder „Meistens fahre ich langsam. Vor allem bergauf“. Erst als jemand auf die Idee kommt, dass E-Bikes ja auch zur Kategorie Fahrräder gehören, nimmt die Zeitschrift Fahrt auf und läuft ab dann wie frisch geölt (sorry!).

Der oben angesprochene Diddie Schneider wird auf seinem Parcours für E-Mountainbikes im Bayrischen Wald besucht. Strom-Versionen von Gazellen, Tretrollern und Skateboards werden vorgestellt. Und ein Münchner Manager wird auf seinem Weg zur Arbeit begleitet, den er seit einem Führerschein-Entzug mit dem Elektrorad zurücklegt, was in schöne Sätze wie den folgenden mündet:

„Auf Strecken bis zu 35 Kilometern bin ich damit meistens schneller und flexibler als mit dem Porsche.“

Natürlich ist der Porsche auf dem Foto des freundlichen E-Bikers in Funktionskleidung im Hintergrund abgebildet, und im Text wird nicht versäumt, zu erwähnen, dass es sich dabei nicht um sein einziges Automobil der Luxusmarke handelt. "Pedelec statt Porsche" - ein Bericht aus der Bike Bild.

Außerdem wird wie wild getestet und bewertet, nämlich E-Räder, E-Cargo-Räder und E-Rennräder, und dass die verglichenen Kinderräder, Fahrradschlösser und –versicherungen keinen Elektro-Antrieb haben, ist sicher nur ein Versehen.

„Bike Bild. Alles außer öko“ könnten die Macher das nächste Mal auf ihre Zeitschrift drucken. Muskel-Kraft-Räder interessieren nur, wenn man mit ihnen durch New York oder das Wattenmeer fahren kann, sie in der Spezialversion „Bonanza-Rad“ daherkommen oder im radfreundlichen Wiener Neubau-Gebiet „Bike City“ in den Aufzug geschoben werden (dessen größte Besonderheit laut Text das Vorhandensein eines Fahrradkellers ist). Zudem werden unter der Überschrift „Da geht nicht nur die Post ab“ zwei im Internet bestellte Rennräder verglichen. Im Internet Bestelltes wird nämlich per Post geliefert. Ich hoffe, Sie können mit diesem frisch erworbenen Herrschaftswissen umgehen.

Weitere Themen: Eltern-Taxis fahrende Helikopter-Eltern. Ein Test von Rad-tauglicher Kleidung durch Biathletin Kati Wilhelm („die auf Touren durchs heimische Thüringen schlicht Jeans und Outdoorjacke trägt“) und Nachrichtensprecher Marc Bator („,Bloß kein Tweed!’ (…) Funktional und sportlich bequem soll Fahrradmode sein“). Und natürlich der „Bessere Sex durch Radfahren!“, aus dem im Innenteil „Besserer Sex durch Radfahren?“ wird.

Nach dem Knallereinstieg „Fahrrad und Erotik – die beiden spielen gerne Tandem“ werden dazu ein paar Studien zusammengekehrt, nach denen Männer Frauen auf Hollandrädern sexy finden, Frauen auf Klapprädern aber nicht. Außerdem erfährt man, dass radelnde Männer mehr Lust auf Sex haben („Der Effekt, so die Sexualmediziner, sei dabei eher langfristig“), und es wird mit dem Mythos aufgeräumt, Radfahren mache impotent. Nur auf die richtige Sattelform sei zu achten; die vier Kinder Jan Ullrichs und sechs von Jens Voigt lieferten den Beweis. Und Luftpumpen haben übrigens die gleiche Form wie Vibratoren. Hi hi.

Vibratoren haben die gleiche Form wie Fahrradpumpen. Skandal!

Die einzige Frage, die danach zum Thema Fahrrad noch offen bleibt, ist die nach der Infrastruktur, die für die steigende Zahl der Radler zur Verfügung gestellt werden muss. Gerade einmal eine knappe Seite ist dafür vorgesehen, und der interviewte Experte weder Stadt- noch Verkehrsplaner, sondern Chef des Zusammenschlusses deutscher Fahrradhändler.

Wer soll das lesen? Langjährige Fahrrad-Enthusiasten schon mal nicht, dafür fehlt definitiv Öko-Charme. Auch Menschen, die Rad fahren, weil sie halt Rad fahren, werden wohl kaum Interesse im Gegenwert von 130 Seiten und 3,50 Euro aufbringen. Damit bleiben noch Leute, die gerne auf dem Sofa sitzend seitenweise E-Bike-Tests durchlesen. Davon scheinen deutsche Verlage in diesem Land eine ganze Menge zu vermuten.

Schon am Samstag erscheint das Sonderheft Focus E-Bike.

BB
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Für mehr Bürgerbeteiligung bitte hier klicken

Na, heute schon die Zähne geputzt? Gemüse gegessen? Bürgerbeteiligt?

Wenn es nach den Machern der Online-Plattform Civocracy geht, sollen wir Letzteres bald mit der gleichen Selbstverständlichkeit bejahen wie die Frage nach der Mundhygiene und der Vitaminzufuhr. Denn so wie ein gesunder Körper darauf angewiesen ist, dass man ihn hegt und pflegt, braucht auch eine gesunde Demokratie etwas mehr Aufmerksamkeit als nur alle paar Jahre zur Wahl.

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2016-04-02 10.33.23
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Warum Londons Super-Fahrrad-Autobahnen bislang nicht so super sind

Radwege? Pfff! Andere Städte mögen sich mit so etwas zufrieden geben. Doch in London machen es die Radler nicht unter einem Cycling Superhighway. Als Metropole von Welt hat man schließlich einen Ruf zu verteidigen.

Vor über einem Jahr wurde an dieser Stelle schon einmal über das Londoner Großprojekt berichtet, das die Stadt mit bis zu zwölf Radel-Superautobahnen in Form von extra abgetrennten Fahrbahnen durchziehen soll.

Die gute Nachricht: Die ersten Strecken sind mittlerweile fertig, und bei Twitter stapeln sich Fotos wie dieses:

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Dresden
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Die schönsten Ufer-Promenaden Europas

Eines muss man europäischen Städten lassen: Ihre Flussufer wissen sie einfach zu nutzen.

Saarbrücken zum Beispiel. Da kann man sich ruhig mal ein ganzes Youtube-Video zu anschauen, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie schön es am Ufer der Saar ist:

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Anwohnerschutzgebiet
Miteinander

Sie betreten nun ein Anwohnerschutzgebiet

Indem Touristen das finden, nach dem sie suchen, zerstören sie es. Diese einst von Hans Magnus Enzensberger in die Welt gesetzte Weisheit hat mit der Zeit dazu geführt, dass dem Massentourismus auf Südseeinseln und im Hochgebirge ein sanfter Tourismus zur Seite gestellt wurde. In Großstädten wurde das bislang nicht für nötig erachtet. Doch manche Berliner sehen da nun Nachholbedarf.

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Warum München Parks auf Parkhäusern und Schlittenberge im Freibad braucht

Für die einen ist es eine günstige Alternative zum Fitnessstudio. Für die anderen die innovative Lösung für das Platzproblem einer Stadt, in der immer mehr Menschen wohnen wollen: Sport unter der Bahnunterführung (s. oben). Wetterfest. Öffentlich zugänglich. Und als Fläche bislang völlig unterschätzt.

Zu diesem Schluss kommt zumindest eine Gruppe Architekten, die im Auftrag des Münchner Referats für Stadtplanung und Bauordnung untersucht hat, wo es in der Stadt noch freie Flächen zu erschließen gibt. Diese sollen einmal nicht für dringend benötigte neuen Wohnungen genutzt werden, sondern ausdrücklich nicht bebaut werden. „Freiraum 2030“ heißt das Projekt, dessen Ergebnisse als Studie vorliegen und noch bis März als Ausstellung in der Rathausgalerie am Marienplatz zu sehen sind.

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Paris
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Gehen geht auch

Wer sich auskennt, für den stellt sich die Frage nicht: Zwischen Stadtmitte und Französische Straße noch umsteigen? Auf keinen Fall! Da ist man zu Fuß schneller am Ziel als am richtigen Bahnsteig. Zwischen Greifswalder Straße und Landsberger Allee ist diese Lösung hingegen nicht zu empfehlen. Sonst bräuchte man statt 2 gleich 30 Minuten.

Für alle, die noch nie in Berlin waren, kommt hier die Auflösung: Die Rede ist von S- und U-Bahnstationen. Wer sich mit Hilfe eines Bahnplans von A nach B bewegt, weiß zwar immer, wie er fahren muss. Entfernungen und die exakte Lage der Stationen in der Stadt lassen sich jedoch schwer abschätzen, da derartige Karten schematisiert werden. Wer auf Nummer sicher gehen will, hält sich strikt an den Fahrplan, auch wenn der Wechsel auf den Gehweg Zeit sparen könnte.

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SAMSUNG
Entwickeln, Wohnen

Zwischen Räumen

Um den Seitenstreifen einer Ausfallstraße als einen guten Ort für den Neubau von Wohnungen ins Auge zu fassen, müssen einem wirklich alle Alternativen ausgegangen sein.

„Erst hat man Industriebrachen umgenutzt. Dann kamen Kasernen, dann Baulücken. Aber irgendwann ist auch das erschöpft.“ erklärt Philipp Dechow. Der Architekt vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet an einem Forschungsprojekt, das dort nach freien Flächen sucht, wo die letzte Brache erschlossen scheint. Was dann noch bleibt, nennen die Experten „Urban Voids“. Sie sind die letzte Hoffnung für eine Stadt, deren Bevölkerung wächst, während sie sich selbst nicht weiter ins Umland ausdehnen soll.

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Fahren, Miteinander

Berlin macht Platz für Fußgänger

Am Wetter kann es schon mal nicht liegen. Schönste Herbstsonne bescheint die frisch aufgestellten Bänke auf dem Teil der Maaßenstraße, der bis vor kurzem noch den Autos vorbehalten war. Hier könnte man sich nun hinsetzen, die Kinder auf den Steinquadern und Plastetieren herumtollen lassen und sich von der Einkaufstour durch den Berliner Stadtteil Schöneberg erholen. Doch das macht niemand. Lediglich ein paar der neuen Fahrradständer sind im Einsatz. Auf dem Bürgersteig flanieren die Fußgänger, auf der verbliebenen Straßenspur passieren Autos und Radler. Nur in der frisch umgenutzten Fläche herrscht gähnende Leere.

Da scheint etwas gehörig schief zu laufen in der Begegnungszone Maaßenstraße – dem neusten Modellprojekt der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

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